Die Sache mit der Dialektik

Vortrag von Stefan Engel am 22. Mai 1988 auf dem Pfingstjugendtreffen in Stuttgart

Liebe junge und ältere Freunde und Genossen,

in unseren Parteiveröffentlichungen und -diskussionen taucht in letzter Zeit immer wieder die Forderung nach der Beherrschung der dialektischen Methode auf. Ich weiß, dass sich viele unter der Dialektik gar nicht so viel vorstellen können. Es ist auch gar nicht so einfach, darüber in der herkömmlichen Lite­ratur, in der Schule oder im gewöhnlichen Leben etwas Ver­nünftiges in Erfahrung zu bringen. Ich habe einmal nachgelesen, was da alles in verschiedenen Lexika steht. Was ich dort zu lesen bekam, verwirrte eher, als dass es Klarheit schaffte.

Bürgerliche Lehrmeister können nicht helfen

In einem Buch stand lediglich: Dialektik ist "innere Gegensätzlichkeit". Wie wir später noch sehen werden, eine sehr einseitige und starre Vorstellung über die Dialektik! In einem anderen Buch war von „Fähigkeit“ zu lesen, „den Diskussionspartner in Rede und Gegenrede zu überzeugen". Damit wäre die Dialektik ja lediglich die Kunst, überzeugend zu diskutieren. Das versucht im Grunde aber auch jeder bürgerliche Politiker! Soll er deshalb gleich ein Dialektiker sein?

In einem dritten Text stand etwas von einer "philosophischen Arbeitsmethode". Auf den ersten Blick also wieder nichts für uns, denn wir haben nicht vor zu philosophieren. Uns geht es darum, "die Welt zu verändern", um mit Karl Marx zu sprechen, und nicht, wie es Philosophen tun, "diese nur zu interpretieren". Es stellt sich also schnell heraus: Will man die dialektische Methode kennen lernen oder gar begreifen, können uns die bürgerlichen Lehrmeister nicht viel weiter helfen. Diese sind höchstens in der Lage, einzelne Seiten aus dem Zusammenhang zu reißen oder die Dialektik als totes Schema zu behandeln. Wir müssen uns schon dorthin wenden, wo die dialektische Methode zu Hause ist: in der marxistisch-leninistischen Partei und der revolutionären Arbeiterbewegung.

 

Dialektische Methode - doch nur etwas für Auserwählte?

Ich höre schon den Einwand mancher Genossen: "Dialektische Methode? Eine verteufelt komplizierte Sache! Überlass’ das Theoretisieren mal den Genossen im Zentralkomitee. Ich mache meine Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit oder meine Arbeit in der Jugendgruppe, dazu brauche ich keine dialektische Methode! Die Sache mit der Dialektik erscheint mir sowieso wie ein Buch mit sieben Siegeln".

Also ist die dialektische Methode doch nur eine Angelegenheit für Auserwählte? Wenn es mir gelingt, in dieser Diskussion wenigstens dieses Vorurteil zu widerlegen, dann hat sie ihr wichtigstes Ziel bereits erreicht.

 

In der Welt geht es dialektisch zu

Auch wenn wir Marxisten-Leninisten heute die einzigen Verfechter der dialektischen Methode sind, so ist sie doch nicht unsere Erfindung. Die Welt, der Kosmos wie der Mikrokosmos, sind nichts anderes als sich ewig bewegende und verändernde Materie. Die Luft, der Stein, das Wasser, das Leben, die Elektrizität, die Kraft oder das menschliche Denken - alles das sind nur verschiedene, uns bekannte Formen, in denen die Materie existiert. All diesen verschiedenen Formen der sich bewegenden Materie ist gemeinsam, dass ihre Bewegung nach dialektischen Bewegungsgesetzen abläuft. Die Dialektik ist nämlich nichts weiter, als diejenige grundlegende Bewegungsform, die allen Prozessen und Entwicklungen in der Natur innewohnt.

 

Negation der Negation

Ich will das an einem alltäglichen Beispiel verdeutlichen. Ende März habe ich in mein Gemüsebeet Samen für Kopfsalat eingebracht. Unter der Bedingung, dass die Sonne schien, die Erde etwas taugt und das Beet genügend gegossen wurde, ging der Samen nach einigen Tagen auf. Kleine hellgrüne Blättchen bohrten sich ans Tageslicht. Als Dialektiker bezeichnet man die Umwandlung des Samenkornes in Salatblätter als Negation 

Ich weiß aber, dass dieser ersten Negation eine weitere folgen muss, um die Entwicklung vollständig zu kennzeichnen. Die Salatblätter wachsen unter der Frühjahrssonne schnell weiter bis zu einem schönen Kopfsalat. In meinem Fall aber machte sich eines schönen nachmittags das Pferd des Nachbarn über das Beet her und beendete zumindest die Entwicklung eines Teils meines Salates. Auch der Verzehr meines Salats durch das Pferd war eine Negation, aber keine dialektische! Denn die Entwicklung des Salats wurde jäh abgebrochen und im wahrsten Sinne des Wortes dem Entwicklungsprozess des Pferdes einverleibt.

Um dem Pferd nicht unrecht zu tun. auch die Zubereitung des Salats auf den Salatteller ist eine undialektische Negation, weil sie keine für die Entwicklung der Pflanzengattung Kopfsalat notwendige Umwandlung dar einen Form in eine andere darstellt. Eine solche notwendige Umwandlung würde aber stattfinden, wenn ich den Salat "schießen" lassen würde, wie man so schön sagt. Er würde blühen und verblühen, und übrig blieben eine Vielzahl neuer Samen, die die Grundlage für eine neue Pflanzung im nächsten Frühjahr bildeten. Der ersten Negation vom Samen zum Kopfsalat folgte eine zweite, vom Kopfsalat in eine Vielzahl neuer Samen.

Dieser dialektische Prozess der Negation der Negation spielt sich in allen Prozessen der Natur und der Gesellschaft ab. Nehmen wir den Kampf der Kruppianer in Rheinhausen. Die jahrelange Kleinarbeit der MLPD-Betriebsgruppe führte in Verbindung mit eigenen Erfahrungen der Arbeiter über die Untauglichkeit reformistischer Klassenzusammenarbeitspolitik dazu, dass die Arbeiter selbständig kämpften - zunächst in spontanen und kurzen Aktionen, auf dem Höhepunkt schließlich in einem siebentägigen selbständigen Streik Anfang April.

 

Rückkehr an den Ausgangspunkt auf höherer Grundlage

Die Saat der geduldigen Überzeugungsarbeit der MLPD ging auf. Aber der entfaltete Kampfwille in Rheinhausen führte in der ganzen Bundesrepublik zu einem neuen Aufschwung des erwachenden Klassenbewusstseins. Die Zahl der Streiks verdoppelte sich von November auf Dezember 1987, und Anfang 1988 kam es zu einer Welle selbständiger Streiks von Tausenden von Arbeitern und kleinen Angestellten bei SKF, BBC, Maxhütte usw.

Damit wuchs auch der Einfluss der MLPD sprunghaft und die Partei selbst gewann erheblich an Schlagkraft und Kampffähigkeit hinzu. Damit ist aber auch die Grundlage für die Ausweitung und Vertiefung der geduldigen Kleinarbeit der MLPD unter der Industriearbeiterschaft auf eine neue Stufe gehoben. Im Prozess des Kampfes der Rheinhausener Kruppianer macht der Parteiaufbau der MLPD eine Negation der Negation durch.

An diesem Beispiel wird aber auch deutlich, dass Negation der Negation nicht einfach Kreislauf, also ewige Wiederholung ein und desselben Ablaufs bedeutet, sondern scheinbare Rückkehr an den Ausgangspunkt auf höherer Grundlage. Die Entwicklung verläuft also nur scheinbar kreisförmig. In Wirklichkeit ist sie eine spiralförmige Höherentwicklung.


Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt

Damit bin ich bei einer zweiten wichtigen Seite der Dialektik angekommen. Bei der Entwicklung des Kopfsalats hat die qualitative Umwandlung des Samenkorns in den Salat und von dort in neue Samenkörner, auch eine neue Quantität hervorgebracht. Aus einem Samenkorn sind viele Samenkörner entstanden.

Auch der fünfmonatige Kampf in Rheinhausen hat in der Gesamtpartei zu einem achtprozentigen Mitgliederzuwachs geführt, in Rheinhausen selbst sogar zu einem 150-prozentigen. Die neue Mitgliederzahl ist wiederum Grundlage für eine neue Quantität der MLPD in der Führung von Arbeiterkämpfen.

Der Umschlag von Qualität in Quantität und von Quantität in Qualität ist eine grundlegende dialektische Bewegungsform.

Da ich weiß, dass die verschärften Angriffe auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse in den nächsten Jahren verstärkt zu Streiks und Demonstrationen führen werden, dass diese Kämpfe sich aber nur weiterentwickeln können, wenn die MLPD maßgeblich darauf Einfluss gewinnt, kann ich die entscheidende Schlussfolgerung ziehen: Für die Entfaltung der Arbeiteroffensive auf breiter Front ist die Stärkung der MLPD von ausschlaggebender Bedeutung. Das ist leichter gesagt als getan, werden jetzt viele einwenden. Denn der Klassenkampf, aber auch der Parteiaufbau finden ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern im erbitterten Kampf gegen die Monopole, ihre Regierung, ihre modernen Massenmedien usw.. usf. Dieser Kampf wirkt auch auf die Arbeiterklasse ein.

 

Einheit und Kampf der Gegensatze sowie ihre Durchdringung

Da gibt es Kollegen, die lassen sich von Drohungen des Staatsapparats oder von der Hetze der Massenmedien vom Kampf abhalten und sagen, "da kann man eh nichts ändern". Andere sind wohl für den entschlossenen Kampf, glauben aber noch an die reformistischen Illusionen der SPD- und Gewerkschaftsbürokratie, dass man auch durch Verhandlungen mit den Monopolen weiterkommt und deshalb der Streik nur das letzte Mittel zur Durchsetzung der Arbeiterforderungen ist. Diese Kollegen haben in Rheinhausen herbe Enttäuschungen über die Klassenzusammenarbeitspolitik durchleben müssen.

Die klassenbewussten Arbeiter, die heute im allgemeinen noch eine sehr kleine Gruppe sind, haben von Anfang an den entschiedenen, selbständigen Kampf mit Streiks und Demonstrationen gefordert als dem einzigen Mittel, das die Monopole und ihren Staat "überzeugen" könnte. Sie waren sich auch darüber im klaren, dass der Kampf mit aller Härte, nötigenfalls gegen Polizei, Justiz und bürgerliche Massenmedien geführt werden müsse.

Diese kleine Gruppe ist während des Rheinhausener Kampfs durch die Erfahrungen der Arbeiter und die Überzeugungsarbeit der MLPD-Betriebsgruppe sprunghaft angewachsen und bestimmte bei dem siebentägigen selbständigen Streik Anfang April das Geschehen in Rheinhausen. Die Arbeiterklasse ist zwar eine ein­heitliche Klasse, aber ihre Entwicklung wird von dem Kampf und der Einheit des gegensätzlichen Bewusstseins bestimmt.

 

Verdrängung des Reformismus durch den Marxismus-Leninismus

Der Hauptwiderspruch in der westdeutschen Arbeiterbewegung; besteht heute zwischen dem Marxismus-Leninismus und dem Reformismus. Solange der Reformismus in der Arbeiterbewegung vorherrscht, wird der Klassenkampf relativ ruhig verlaufen.

Erst wenn die entscheidende Mehrheit sich für den Kampf um den Sozialismus entschieden hat, werden Massendemonstrationen und Massenstreiks um wirtschaftliche und politische Forderungen das Bild bestimmen. Die proletarische Revolution reift dann mit Riesenschritten heran. Die MLPD hat sich also zur Vorbereitung der proletarischen Revolution in der BRD und in Westberlin das strategische Ziel gesetzt, die entscheidende Mehrheit der Arbeiterklasse für den Sozialismus zu gewinnen. Was für eine gigantische Aufgabe?

Unlösbar für die vereinigten Opportunisten und Liquidatoren der sogenannten "marxistisch-leninistischen Bewegung", die sich inzwischen kleinlaut entweder in die Obhut der kleinbürgerlichen Privatsphäre zurückgezogen haben oder nur noch ganz unverbindlich im diffusen Brei der grünen Bewegung herumpantschen. Im Grunde haben diese Leute ihren Frieden mit den kapitalistischen Verhältnissen gemacht. Die Problematik dieser Leute beginnt schon dort, wo sie die Arbeiterklasse ausmachen sollen.

 

Durchdringung zwischen Arbeiterklasse und Kleinbürgertum

Da ist der Werkzeugmacher Kurt mit der Lehrerin Waltraud verheiratet. Der Sprössling der Arbeiterfamilie, Andreas, hat studiert? Dafür hat Peter, das Söhnchen des Chefarztes im Kreiskrankenhaus, nach seinem Diplom als Psychologe keine Stelle gefunden. Jetzt verdient er seine Brötchen als Bierfahrer.

Kurz, die Arbeiterklasse ist mit tausend Fäden mit den kleinbürgerlichen Zwischenschichten verbunden und durchsetzt. Und wo ordne ich den Maschinenbauingenieur ein, der unter Tage im Dreischichtbetrieb einen Leitstand bedient? Zur Arbeiterklasse oder zu den kleinbürgerlichen Zwischenschichten? Alles nicht so einfach, sicher. Aber ist das klassische Proletariat und damit die Arbeiterbewegung deshalb tot, wie es die GRÜNEN als Rechtfertigung ihrer Parteigründung behaupteten? Nach dieser Logik dürfte es den gegenwärtigen Aufschwung der Arbeiterkämpfe in der BRD gar nicht geben.

Das Problem dieser neunmalklugen Intellektuellen ist, dass sie die Klassenscheidung zwischen dem Monopolkapital und der Arbeiterklasse nicht als Kampf und Einheit der Gegensätze begreifen, wo aus Arbeitern Kleinbürger, und aus Kleinbürgern entweder Arbeiter, in seltenen Fällen aber auch Kapitalisten werden können. Der Klassenkampf zwischen Monopolkapital und Arbeiterklasse hält den Prozess der Klassenscheidung ständig in Bewegung, schafft neue Zwischenschichten und vernichtet alte. Das kann man aber nur begreifen, wenn man eine dialektische Klassenanalyse erstellt.

 

Die dialektische Methode als entscheidendes Handwerkszeug der Marxisten-Leninisten

Ich habe mich bisher vor allem damit beschäftigt, dass es in der .Wirklichkeit, in der Natur ebenso wie in der menschlichen Gesellschaft dialektisch zugeht. Bei dieser Erkenntnis stehen zu bleiben, hieße aber tatsächlich, auf den Standpunkt des Philosophismus abzugleiten.

Was uns die objektive Dialektik aber lehrt, ist, dass wir die Natur, die Gesellschaft und das menschliche Denken nur richtig erforschen und auf sie einwirken können, wenn wir uns einer Methode bedienen, die genau diesen Bewegungsgesetzen in der Wirklichkeit entspricht.

Mit einer Kaffeekanne kann ich keinen Stahl kochen und mit einer Nagelschere kein Holz sägen. Für jede Arbeit gibt es das richtige Werkzeug. Für die Erforschung der Gesetzmäßigkeiten in der kapitalistischen Gesellschaft und zur Führung des Klassenkampfes brauche ich die dialektische Analyse und die dialektische Strategie und Taktik. Ihr wisst: Wir unterscheiden heute zwei Hauptmethoden in unserer Parteiarbeit:

1) die dialektische Methode und

2) die metaphysische Methode.

 

Die metaphysische Methode erforscht einzelne Seiten und Züge der Entwicklung

Auch wenn wir Dialektiker sind, so dürfen wir die Metaphysik nicht einfach ablehnen, bzw. negieren. In der Studie von Willi Dickhut "Materialistische Dialektik und bürgerliche Naturwissenschaft", die er bereits 194O zur Erlernung der dialektischen Methode anfertigte, wird zu diesem Problem ausgeführt: "Die geschichtliche Periode der Untersuchung und Erforschung des Mikrokosmos wird gekennzeichnet durch die metaphysische Methode, die Analyse und Zergliederung der Erscheinungen. Das ist eine naturwissenschaftliche Methode, die unvollständig und zusammenhanglos ist, die die Bewegungen und Veränderungen der Dinge und Erscheinungen untereinander unbeachtet lässt und auch vorläufig unbeachtet lassen musste, denn es mussten alle Entdeckungen bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts einer Analyse unterzogen und geordnet werden. Somit war die metaphysische Methode historisch berechtigt und notwendig." (Seite 153. Unterstreichung S.E.)

Daraus geht hervor, dass wir die metaphysische Methode auch heute noch gebrauchen können, und zwar bei der Erforschung einzelner Seiten und Prozesse. So ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, dass bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen hinterlassen. Nehmen wir die Veränderung der Rohstoffbasis, die Ersetzung von Stahl durch Kunststoffe oder von Kohle durch Erdöl. Letztere bewirkte in den 1950er und 60er Jahren ein förmliches Zechensterben an der Ruhr, im Aachener Revier und an der Saar.

 

Allseitigkeit der Betrachtung

In dem Moment aber, wo ich alle Stillegungen und Massenentlassungen in der Stahlindustrie und im Bergbau heute mit dieser damaligen Ursache der veränderten Rohstoffbasis erklären will, liege ich jedoch falsch. Mit Hilfe der dialektischen Methode, der allseitigen Befrachtung aller Seiten und Züge der Entwicklung in der ganzen Wirtschaft erst werde ich feststellen, dass die Stilllegung ganzer Werke keine Besonderheit mehr im Bergbau darstellt, sondern die gesamte Großindustrie mehr oder weniger berührt. Die Ursache dafür liegt in einer neuen Erscheinung in der kapitalistischen Wirtschaft, einer Strukturkrise im Produktionsprozess, ausgelöst durch die Einführung von Mikroelektronik und Automation im der Großproduktion.

Während die metaphysische Methode ganz bestimmte Einzelerkenntnisse über begrenzte und einfache Zusammenhänge lösen kann, versetzt mich die dialektische Methode in die Lage, Gesamtzusammenhänge einer Entwicklung und ihr Wechselverhältnis zu anderen herauszufinden.

Die metaphysische Methode ist uns im täglichen Leben auch geläufig als gesunder Menschenverstand. Dazu schreibt Friedrich Engels:

"Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt und die metaphysische An­schauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstände ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist. stößt doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösbare Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehen, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergisst, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht."

(Engels, Anti-Dühring, zitiert aus REVOLUTIONÄRER WEG 6. S.2O)

 

Ohne dialektische Methode keine bewusste Höherentwicklung des Kampfe der Kruppianer

Dass wir allein mit gesundem Menschenverstand in Rheinhausen nicht weit gekommen wären, will ich kurz anhand der konkreten Analyse der Partei in der jeweiligen Situation und der entsprechenden taktischen Ausrichtung darlegen:

Als am 26. November letzten Jahres die Stillegungspläne des Krupp-Vorstandes auf den Tisch kamen, da war klar: Daran ist nur noch etwas zu ändern, wenn die Arbeiter in den härtesten Arbeitskampf treten. Deshalb hat die MLPD auch von Anfang an den selbständigen Streik als wirksamste Waffe propagiert. Zu dieser einen Erkenntnis hätte mich auch die metaphysische Methode bringen können. Da die Monopole im Verein mit der rechten SPD- und Gewerkschaftsführung einen solchen Streik auf alle Fälle vermeiden wollten, schlugen sie die Taktik ein, Spielraum für kleinere, begrenzte Kampfmaßnahmen zu gewähren und eine offene Konfrontation mit den kämpfenden Kruppianern zu vermeiden. Ihr erinnert euch an die Blockaden der Autobahnen und wichtigsten Verkehrsknotenpunkte durch die Stahlarbeiter des Ruhrgebiets am 10. Dezember.

Im Grunde verstieß diese Aktion gegen die verschiedensten bürgerlichen Gesetze, aber die Monopole und ihre Regierung ließen die Arbeiter völlig unbehelligt. Diese Taktik sollte einerseits dem Kampfwillen der Arbeiter gerecht werden und andererseits den Reformisten die Führung in der Auseinandersetzung sichern.

Obwohl von Anfang an der selbständige Streik richtig gewesen wäre, mussten wir der Tatsache gerecht werden, dass die Kollegen die reformistische Taktik noch nicht durchschauten. Die ständige metaphysische Wiederholung der Losung nach dem selbständigen Streik hätte uns in dieser Situation isoliert. Damit wäre aber die Chance der Höherentwicklung des Kampfes vertan worden. Die Abwägung aller Seiten und Zusammenhänge in dieser Situation, der Erfahrungen der Arbeiter, wie der Kräfte der Partei ließ uns folgende Taktik einschlagen: gestützt auf den kämpferischen Teil der Kruppianer den selbständigen Streik ideologisch-politisch und organisatorisch vorbereiten, mit kleineren Kampfmaßnahmen der Belegschaft den Kampfwillen wach halten und als Wichtigstes: eine unermüdliche, geduldige Aufklärungsarbeit über die Untauglichkeit der Verhandlungen mit dem Krupp-Vorstand.

Erst in dem Augenblick, als die Verhandlungstaktik offensichtlich scheiterte, rückte diese Losung des unmittelbaren Beginns des selbständigen Streiks in den Mittelpunkt. Mit Hilfe der dialektischen Methode konnten wir das Heranreifen dieses Augenblicks nicht nur voraussehen, sondern wir konnten monatelang darauf einwirken, so dass die Arbeiter durch die Partei auf diesen Wendepunkt vorbereitet waren. Wie ihr wisst, kam dieser Streik Anfang April tatsächlich zustande, übrigens genau in einer solchen Situation, in der alle bürgerlichen Massenmedien wie im Chor das Ende des Kampfes in Rheinhausen verkündeten.

Offensichtlich traf der Streik anfangs die IG Metall- und SPD-Führer mehr oder weniger unvorbereitet. Sie haben die metaphysische Methode angewendet, infolgedessen ihre Kräfte überschätzt und die der Arbeiter und der MLPD unterschätzt. Auf Grund der gegebenen Kräfteverhältnisse gelang es der Betriebsrats-Spitze jedoch, nach mehreren misslungenen Anläufen am 7. Tag den Streik abzuwürgen. Die gezielt eingesetzte Hoffnung in die Vermittlungsrolle Raus war dabei ihr letzter Trumpf.

Jetzt wurde die MLPD in aller Öffentlichkeit für den selbständigen Streik verantwortlich gemacht und ihr so vor den Augen der Arbeiterklasse objektiv die Fähigkeit bescheinigt, solche Arbeitskämpfe zu führen. Das war der Preis, den die Sozialdemokraten für den Streikabbruch bezahlten mussten.

 

Dialektik schließt Schematismus aus

Als am 3. Mai bekannt wurde, dass trotz Vermittlung Raus die Stillegung der Hütte beschlossen werden sollte, war da nicht erneut der Zeitpunkt für den Aufruf zum Streik? Nein, in dieser Situation hätte ein selbständiger Streik eine ganz neue Bedeutung:

1. Er hätte von Anfang bewusst gegen die SPD- und Gewerkschaftsführung geführt werden müssen, während der Aprilstreik sich lediglich objektiv gegen die reformistische Taktik richtete.

2. Er hätte mehr oder weniger bewusst unter Führung der MLPD durchgeführt werden müssen und hätte von Anfang an mit der offenen Niederschlagung durch den Staatsapparat rechnen müssen.

Dafür reichte das Bewusstsein und der Kampfwillen der Kruppianer trotz ihrer vorbildlichen Kampfmoral noch nicht aus. Die wichtigste Aufgabe besteht für die Partei und ihre Nebenorganisationen darin, den mutigen Kampf der Kruppianer gründlich auszuwerten und die Lehren unter der Arbeiterklasse in der ganzen BRD zu verbreiten. Auf diese Weise wird der Kampf der Kruppianer zum unauslöschlichen Abschnitt in der Geschichte der westdeutschen Arbeiterbewegung nach dem II. Weltkrieg, wird er zu einem Ausgangspunkt für die Höherentwicklung aller Arbeiterkämpfe.

 

Wie man die Dialektik lernt!

Ihr seht also, ohne die Anwendung der dialektischen Methode, hätte es den Brandherd Rheinhausen zumindest nicht in seiner heutigen Wirkung gegeben. Letzte Woche auf einer Diskussionsveranstaltung in Neukirchen-Vluyn hat mich eine Genossin gefragt, wie man die dialektische Methode eigentlich lernen kann. Es ist klar, daß ich nicht darum herum komme, mich mit der Theorie des dialektischen Materialismus zu beschäftigen. Das ist sicherlich eine schwere Hürde, vor der man aber nicht zurück schrecken darf.

 

Lenins »Elemente« - Schlüssel zur dialektischen Methode

Die beste Anleitung für die materialistische Dialektik gibt uns Lenin mit seinen "Elementen der Dialektik". Ohne viel Worte hat er auf einem Blatt Papier die wichtigsten Seiten und Züge der dialektischen Methode skizziert. Einige davon habe ich in meinem Vortrag schon behandelt, wie die "scheinbare Rückkehr zum alten (Negation der Negation)“ oder den "Übergang von Quantität in Qualität und umgekehrt" usw. Aber diese ganzen dialektischen Elemente wirken natürlich in dieser Form sehr abstrakt.

Es kommt deshalb vor allem darauf an. sie mit Leben zu füllen, sie in der täglichen Praxis anzuwenden. Ich habe das heute an dem Kampf der Kruppianer in Rheinhausen gemacht. Man muss aber versuchen, die Dialektik immer und bei jeder Gelegenheit anzuwenden, bis die dialektische Sichtweise in Fleisch und Blut übergeht.

Ist das nicht ein wenig übertrieben?

 

Dialektik im täglichen Leben erlernen!

Wenn ich z.B. Krach mit meiner Freundin habe, was soll ich dann mit der dialektischen Methode? Nun, der Krach mit der Freundin hat ja eine Ursache, ihm liegt also ein konkreter Widerspruch zugrunde. Man kann sich natürlich rechthaberisch auf den Standpunkt stellen, dass sowieso der andere Schuld ist, dann kann ich mir die dialektische Methode sparen. Liegt mir aber wirklich etwas an der Sache, dann kann die dialektische Methode gut weiterhelfen, die Probleme nicht einfach unter den Teppich zu kehren bis zum nächsten Krach, sondern wirklich zu lösen. Meist liegt die Ursache von Problemen darin, dass einer der beiden oder beide Partner nicht genügend auf den anderen eingehen, ihn vielleicht bevormunden oder sich auch nicht an gemachte Vereinbarungen halten. Das ist meist darauf zurückzuführen, dass die Freundschaft noch sehr oberflächlich ist und nicht die Verfolgung eines gemeinsamen Ziels, wie der Kampf für eine sozialistische Zukunft, die Grundlage der Beziehung bildet.

Ich habe zur Hochzeit einer Genossin und eines Genossen kürzlich einmal ein Gedicht geschrieben, das diese Frage behandelt. Ich will es Euch einmal kurz vorlesen:

 

Dialektik einer Genossenehe

Die Kunst der Ehe unter Genossen

und sei sie ihnen auch manchmal verdrossen,

heißt kurz, zu verstehen:

Hier kann es nicht um die heilige Familie gehen!

Denn was uns Genossen zusammenhält,

ist weniger die Liebe oder das Geld!

Viel fester wirkt das gemeinsame Band,

das uns alle zusammenschweißt

für unseren Freiheitskampf!

Wer das nicht vergisst, dem bleibt es vorbehalten,

auch den Bund zu zweit untrennbar zu gestalten.

 

Dialektik der Entwicklung des ARBEITERJUGENDVERBANDES/ML

Die Dialektik kann kurz als die Lehre von der Einheit der Gegensätze bezeichnet werden, das gilt für die Theorie nicht weniger als für die täglichen praktischen Probleme. Lenin rät in seinen "Elementen der Dialektik" den jeweils zu untersuchenden Vorgang zunächst so zu sehen, wie er tatsächlich stattfindet, um von seinen Erscheinungen zum Wesen vorzudringen. Wie sollen wir beispielsweise den Arbeiterjugendverband (Marxisten-Leninisten) einschätzen?

Einiges findet man ja ganz gut, wie dieses Pfingstjugendtreffen. Andererseits gibt es eine ganze Reihe von Sachen, die einem salopp gesagt, „auf den Zeiger gehen“. Von seinem Anspruch her will der Arbeiterjugendverband die ganze Masse der Arbeiterjugend organisieren, aber heute hat er gerade ein paar hundert Mitglieder. Ist deshalb der Anspruch der Jugendmassenorganisation falsch? Das wäre etwas voreilig! Lenin rät in seinen Elementen der Dialektik, den Arbeiterjugendverband in seiner Entwicklung zu betrachten und in seiner Wechselwirkung zu anderen Prozessen.

 

Die Dinge in ihrer Entwicklung und ihrer Wechselwirkung zu anderen betrachten!

Der Arbeiterjugendverband musste nach der Gründung der MLPD 1982 praktisch neu aufgebaut werden. Einmal weil wichtige Funktionäre für den Parteiaufbau gebraucht wurden (mir ging es da auch nicht anders), zum anderen, weil der Jugendverband mit der Gründung der Partei eine neue Aufgabenstellung bekam. Dazu mussten neue Genossen zu Jugendfunktionären entwickelt, neue Mittel und Methoden der Jugendarbeit gefunden, die Kinderarbeit begonnen werden. Natürlich konnten wir uns dabei auf frühere Erfahrungen vor der Parteigründung stützen, wo die Jugendorganisationen noch keine Massenorganisationen waren. Aber einfach übertragen konnten wir die Erfahrungen nicht.

Heute sind die Mitglieder viel jünger. Den Großteil des Arbeiterjugendverbandes stellen die Rotfüchse und die anderen Jugendlichen sind zumeist zwischen 13 und 18 Jahre alt. All diese Faktoren beeinflussten die Entwicklung des Arbeiterjugendverbands zwar in erster Linie positiv, brachten aber eine Reihe neuer Probleme. So wurde die ideologisch-politische Führung durch die Partei viel wichtiger, weil die meisten Jugendgenossen sehr unerfahren und wenig geschult waren. Darauf war aber die MLPD nicht gleich eingestellt. Da musste erst eine Reihe Jugendbeauftragter gefunden und ausgebildet werden, die den Jugendgruppen fest zur Seite gestellt werden. Auch das beeinflusste die Entwicklung. Nicht zuletzt ist die Jugendarbeit heute nicht einfacher geworden. Die Perspektive der Jugendarbeitslosigkeit vor allem, aber auch der schädliche Einfluss der Videokultur, der Spielhöllen oder auch bestimmter Musikrichtungen nahm vielen Jugendlichen jedes Ideal.

Aber eine Jugend ohne Ideal ist ihrer lebendigen Angriffslust, ihrer immer schöpferischen Unrast - kurz ihres revolutionären Geistes beraubt. Ich erinnere mich noch, als ich mit 14,15 Jahren von dem heldenhaften Vietnamkrieg gegen die US-Angriffe oder auch durch die Große Proletarische Kulturrevolution unter Führung Mao Tsetungs in China von der revolutionären Idee begeistert wurde. Zehntausende wandten sich damals dem Sozialismus zu. Er war eine richtige Mode geworden. Heute gilt es, unter der Jugend solche Ideale erst wieder zu wecken. Rheinhausen hat da viel bewirkt. Auch der revolutionäre Kampf in vielen Entwicklungsländern kann hierzu einen guten Beitrag leisten.

Kurz: die Geschichte der Jugendorganisation, ihre neuen Aufgaben, der Aufbau der Partei und die Entwicklung des Klassenkampfes bestimmen die Entwicklung des Arbeiterjugendverbands. Und alle diese Faktoren sagen uns heute: Euch gehört die Zukunft!

Mit Hilfe der dialektischen Methode wird diese Zukunft sicher erheblich schneller heranrücken!

Deshalb: keine Angst vor Schwierigkeiten!

Die Sache mit der Dialektik knacken wir auch noch!

Es lebe der Sozialismus - die Zukunft unserer Jugend!

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