Seminarbeitrag von Stefan Engel zur theoretischen Arbeit

 

Willi Dickhut bestand darauf, die Partei nicht allgemein auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus aufzubauen, sondern die Theorie auf die heutigen konkreten Verhältnisse des Klassenkampfs anzuwenden und sie weiterzuentwickeln. Für Willi Dickhut war es immer wichtig, die ideologisch-politische Arbeit nicht einfach nur Theoretikern zu überlassen so wie wir das auch hier auf dem Seminar praktizieren: Jeder soll seine Erfahrungen auswerten und uns allen zugänglich machen, damit wir davon lernen können. Ich habe noch keinen einzigen Beitrag hier gehört, der dieses Prinzip von Willi Dickhut in Frage stellt. Es gab keinen Beitrag, aus dem man nicht lernen konnte.

Seiner Meinung nach muss auch jedes Mitglied der marxistisch-leninistischen Partei mehr oder weniger theoretische Arbeit leisten so bei der kritischen Aneignung der ideologisch-politischen Linie. Kritisch deshalb, weil man sie nicht buchstabenmäßig aneignen darf, sondern die Linie immer in Beziehung zu Fragen, die zu klären sind, aneignen muss. Das ist notwendig, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, und nicht zum Beispiel historische Aussagen und Erfahrungen schematisch auf die heutige Situation zu übertragen.

Willi Dickhut forderte auch, den Marxismus-Leninismus nicht schematisch, sondern schöpferisch anzuwenden, das heißt in einer sich verändernden Form entsprechend der sich verändernden Wirklichkeit. Er forderte auch die theoretische Verallgemeinerung der vielen praktischen Aufgaben im Klassenkampf und im Parteiaufbau. Das beginnt schon damit, dass man jede praktische Erfahrung vom Standpunkt unserer Linie aus auswertet und dabei überprüft, ob diese Theorie richtig ist, ob sie sich in der Praxis bewährt hat, ob diese Theorie bereits alle Erscheinungen und Veränderungen, die sich in der Wirklichkeit ergeben haben, erfasst oder ob nicht die Theorie auch weiterentwickelt werden muss. Immer müssen wir die Theorie als eine lebendige Sache begreifen, die sich entwickeln muss, und nicht als ein starres Dogma.

Eine der wichtigsten Aufgaben der theoretischen Arbeit sah Willi Dickhut in der Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus, sowohl in seiner Prägung, wie er sich in der Bundesrepublik in Westdeutschland herausgebildet hat, aber auch in der neuen Form des bürokratischen staatsmonopolistischen Kapitalismus, wie er nach der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion oder in der Volksrepublik China entstanden ist. Hier entstand ein staatsmonopolistischer Kapitalismus neuen Typs, ohne eine private Monopolbourgeoisie, sondern mit einer Schicht von Bürokraten, die sich je nach Stufenleiter in der Parteihierarchie die Früchte des gesellschaftlichen Reichtums angeeignet hat. Eine neue Form des Kapitalismus, die die Arbeiterklasse erst einmal begreifen musste. Man muss Verständnis dafür haben, dass das nicht so einfach zu durchschauen ist.

Die Politische Ökonomie des Marxismus-Leninismus hilft uns, die komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen. Ohne sie zu beherrschen, kann es keine richtige proletarische Strategie und Taktik geben. Durch die Politische Ökonomie kann vorausbestimmt werden, wie sich die gesellschaftliche Praxis gesetzmäßig entwickelt und worauf sich das Proletariat in seinem Kampf um die Macht einzustellen hat. Wenn ich von Voraussagen über die gesetzmäßige Entwicklung spreche, sage ich natürlich auch, dass Voraussagen über konkrete Entwicklungen nicht möglich sind. Es gibt neben den Gesetzmäßigkeiten auch viele konkrete Entwicklungen, die man nicht vorhersehen kann. Es gibt auch den Zufall, nicht nur die Gesetzmäßigkeit.

Willi Dickhut hat durch die Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus eine Definition entwickelt, die der Partei geholfen hat, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland nach dem II. Weltkrieg zu begreifen. Eine Definition, in der er unter anderem auch Stalin kritisiert hat. Die Definition lautet: »Staatsmonopolistischer Kapitalismus bedeutet die vollständige Unterordnung des Staates unter die Herrschaft der Monopole, die Verschmelzung der Organe der Monopole mit denen des Staatsapparates und die Errichtung der wirtschaftlichen und politischen Macht der Monopole über die gesamte Gesellschaft!« (Willi Dickhut, »Der staatsmonopolistische Kapitalismus in der BRD«, Bd. I, S. 62)

Das bedeutet die Diktatur oder auch Alleinherrschaft der Monopole, sogar auch über Teile der nichtmonopolisierten Bourgeoisie. Das sind neue und komplizierte Verhältnisse. Man hat nicht mehr den typischen Kapitalisten vor sich und man fragt sich: Wer steckt eigentlich hinter diesen Betrieben, mit denen wir zu tun haben, gegen wen kämpfen wir eigentlich?

Die Konkretheit der Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus hat der Partei eine Sicherheit vermittelt, zu jeder Zeit eine konkrete wirtschaftliche und politische Analyse durchführen zu können, die auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus und der Maotsetungideen beruht. Dazu gehören unter anderem die Veränderung des Krisenzyklus im staatsmonopolistischen Kapitalismus und die Rolle der Schwankenden Stagnation, die verschiedenen Strukturkrisen im Reproduktionsprozess, die Entwicklungen im Staatsapparat, die verschiedenen Herrschaftsmethoden und die neuen Methoden der imperialistischen Außenpolitik der Monopole.

Willi Dickhut ging von den durch die Klassiker des Marxismus-Leninismus bereits enthüllten Gesetzmäßigkeiten aus, um auf deren Grundlage mit einer konkreten Analyse der gegebenen Verhältnisse den Blick auf die neuen Erscheinungen und wesentlichen Veränderungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD zu lenken. Mit dieser Methode erkannte er auch, dass sich Anfang 1990 wichtige Veränderungen ergaben. Die Internationalisierung der kapitalistischen Produktion war so weit fortgeschritten, dass sie zur Hauptseite im imperialistischen Weltsystem geworden war.

Nicht die grundsätzlichen, aber viele konkrete Seiten seiner von 1976 bis 1979 erstellten Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus wurden in Frage gestellt. Die von ihm herausgearbeiteten Gesetzmäßigkeiten des staatsmonopolistischen Kapitalismus bleiben jedoch wirksam, sie ändern nur ihre konkrete Form. Die kapitalistische Produktion wächst heute immer mehr aus der nationalstaatlichen Organisation der Produktion heraus, schafft neue Zusammenhänge über Ländergrenzen hinaus, die in der Veränderung der Produk-tionsverhältnisse ihren Niederschlag finden.

Auch die Veränderung der politischen Struktur des Kapitalismus erfordert die Veränderung des proletarischen Klassenkampfs. Willi Dickhut hat mit seiner theoretischen Arbeit, seinem Stil der theoretischen Arbeit und insbesondere durch seine bewusste Anwendung der dialektischen Methode der Partei viel Handwerkszeug hinterlassen, das uns heute hilft, die theoretische Arbeit von Willi Dickhut fortzusetzen. Ich habe mich früher immer gefragt, warum macht er diese Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus so ausführlich. Ich habe das erst später begriffen, als ich selbst eine Wirtschaftsanalyse machen musste. Dabei ist mir erst richtig klar geworden, welche Fragen man dabei analysieren, worauf man achten muss. »Der staatsmonopolistische Kapitalismus in der BRD« von Willi Dickhut ist nicht nur eine Analyse, sondern vor allem ein Buch, das die Methode der Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus vermittelt.

Willi Dickhut erkannte zwar, dass es unbedingt erforderlich ist, eine Nummer des REVOLUTIONÄREN WEG über die Frage der Befreiung der Frau und die Aufgaben der Marxisten-Leninisten zu schreiben, kam aber selbst aufgrund seines Alters und seiner Krankheit nicht mehr dazu, dies zu tun. Er gab uns aber wichtige Impulse über die Veränderungen in der Entwicklung der Stellung der Frau in der Gesellschaft, aber auch über neue Organisationsformen und Methoden der Frauenbewegung. Diese Impulse wurden von uns im REVOLUTIONÄREN WEG 27/28 schöpferisch verarbeitet.

Wir wissen, dass in diesem Buch auch Kritiken am Verständnis Willi Dickhuts von der Politischen Ökonomie enthalten sind insbesondere bezüglich der Verdrängung des doppelten Produktionsbegriffs. Hier hat Willi Dickhut nicht anders gearbeitet als die alte kommunistische Bewegung. Aber er hat uns auf die Spur gebracht, uns aufgefordert, diese Fragen zu untersuchen. Er hat nicht gesagt, »ich mache das alles richtig«, er sagte, »ihr müsst immer weiterarbeiten, diese neue Grundlage des Parteiaufbaus muss immer erneuert werden, und wir müssen gründlich dabei arbeiten«. Die Impulse wurden von uns verarbeitet im Geist von Willi Dickhut. Sie bedeuten in einer konkreten Frage eine Kritik an der Politischen Ökonomie von Willi Dickhut, bedeuten aber in ihrem ganzen Geist eine Weiterentwicklung seiner theoretischen Lebensleistung, auf der der Parteiaufbau der MLPD und ihre Praxis des Klassenkampfs beruhen.

 

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