Den 25. Geburtstag der MLPD werden wir kräftig feiern (23.06.2006)
Kann man während der Fußball-WM hier sinnvoll Politik machen, wo doch das öffentliche Interesse eindeutig auf den Sportplätzen und den Übertragungsstätten liegt?
Stefan Engel: Die Fußball-WM in Deutschland überragt natürlich die Medienberichterstattung und drängt alles andere auf die Seite. Die Politiker setzen sich auf die Ehrentribünen der Fußballstadien, um etwas von der Zuneigung abzubekommen, die gegenwärtig der spannende Fußball und auch die deutsche Nationalmannschaft genießt. Die Meinungsumfragen für die Regierung haben sogar einen leichten „Freudentaumel-Bonus“ ergeben. Es ist kein Zufall, dass mitten in der WM die größte Steuererhöhung seit Bestehen der Bundesregierung durch den Bundesrat gepeitscht wird und noch vor der Sommerpause die Gesetzesvorlage zur Gesundheitsreform fertig gestellt werden soll.
Die Herrschenden nutzen die WM, um in deren Windschatten ihre
volksfeindliche Politik durchzuziehen in der Hoffnung, dass das
nicht so viel Aufsehen erregt. Das mag vielleicht in geringem
Umfang erfolgreich sein, hat aber ebenso wie eine Fußball-WM
nur kurzzeitige Wirkung.
Am Anfang ihrer Amtszeit hatte die
Merkel-Müntefering-Regierung ein verblüffend gutes
Ansehen. Es ist zwar insgesamt gesunken, aber Frau Merkel sitzt
immer noch relativ fest im Sattel.
Stefan Engel: Die Große Koalition unter
Merkel/Müntefering ist zunächst äußerst
vorsichtig gestartet, um die Gemüter zu beruhigen und die
politische Lage zu stabilisieren. Mit der “Politik der
kleinen Schritte” und einer Merkel-freundlichen
Medienberichterstattung gelang es tatsächlich, die vom Mai
2005 bis November 2005 andauernde offene politische Krise zu
überwinden. In den Umfragen schnellten die Werte für die
Regierung im November/Dezember sogar deutlich in die Höhe.
Merkel wurde gar die höchste Popularität bei der
Regierungsübernahme im Vergleich zu allen bisherigen
Regierungschefs bescheinigt. Es war allerdings übertrieben,
wenn das in den Medien zu einem allgemeinen Vertrauensgewinn
für die Regierung umgedeutet wurde.
Schon im Frühjahr begann sich der Trend wieder zu wenden. Die
Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz
und Baden-Württemberg zeigten, dass die Destabilisierung der
gesellschaftlichen Verhältnisse zwar vorübergehend
gestoppt, aber nicht grundlegend gewendet werden konnte. Die
teilweise historisch große Wahlenthaltung zeigte vielmehr
einen weiter fortschreitenden Prozess der Loslösung der
breiten Massen von den bürgerlichen Parteien, dem
bürgerlichen Parlamentarismus und seinen Institutionen. Die
Erosion der sozialen Massenbasis unterspült die
demokratische Fassade der Diktatur der Monopole. Seit die
Große Koalition von der Politik der “kleinen
Schritte” zunehmend zu den “großen
Grausamkeiten” übergeht, befindet sie sich in den
Meinungsumfragen in einem beschleunigten Verfall. Nach Forsa
käme die CDU/CSU gegenwärtig auf 34% in den Umfragen im
Vergleich zu 35,17% bei den Bundestagswahlen, die SPD würde
gerade 29% erreichen, gegenüber 34,25% bei den
Bundestagswahlen. Diese Grundtendenz kann durch die WM vielleicht
zeitweilig überdeckt, aber nicht umgekehrt werden. Das ist ein
wichtiger Hintergrund für die zunehmenden Querelen in der
Regierung.
Kann die Regierung von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren?
Stefan Engel: Ja und nein. Auf der einen Seite erleben
wir momentan eine relative wirtschaftliche Belebung. Die
Industrieproduktion konnte Ende 2004 den Stand vor Ausbruch der
Weltwirtschaftskrise im Jahr 2001 wieder erreichen und steigt
seitdem tendenziell leicht an. Seit dem 2. Quartal 2005 hat auch
das Bruttoinlandsprodukt kontinuierlich zugelegt, bei allerdings
sehr bescheidenen Zuwachsraten. Dieses leichte Plus hängt
allerdings nach wie vor vor allem am Tropf eines noch anhaltenden
Wachstums der Weltwirtschaft. So legten die Exporte von
Januar bis März 2006 gegenüber dem Vorjahresquartal um
14,2% zu. Diese Erfolge im Export stehen im krassen Widerspruch zur
Zweckpropaganda aus Unternehmerkreisen, nach der die “viel zu
hohen Löhne” der Arbeiter das Grundproblem der
wirtschaftlichen Entwicklung seien. In Kreisen der
Unternehmerverbände wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass
das Exportwachstum tatsächlich eine Folge der gestiegenen
Ausbeutung in den Betrieben mitsamt den daraus resultierenden
Preisvorteilen im internationalen Konkurrenzkampf ist.
Von einem dauerhaften Aufschwung kann indessen keine Rede
sein, auch wenn dies die Bundesregierung bei den aktuellen
Etatberatungen gebetsmühlenartig beschwört. Dieses
Aufschwungsgerede soll die Massen einschläfern, damit die
Regierung ihnen noch tiefer in die Tasche greifen kann. Im
Konsumgüterbereich lahmt weiterhin die Binnennachfrage und die
entsprechende Investitionstätigkeit. Im 4. Quartal 2005 sanken
die realen Konsumausgaben um 0,6%, verursacht durch die nach wie
vor wachsende Zahl vernichteter Vollerwerbsstellen sowie der
niedrigen bzw. stagnierenden Löhne. Auch die WM hat hier
entgegen aller Propaganda keinen wesentlichen gegenläufigen
Effekt produzieren können.
Im Mai feierte die Merkel/Müntefering-Regierung den leichten
Rückgang der offiziellen Arbeitslosigkeit auf einen neuen
“Tiefstand” von 4,53 Millionen. Ein makabres Szenario!
Dabei hat die Zahl der dauerhaft sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten weiter abgenommen und die Zahl der
Beschäftigten, die von ihrem Lohn nicht leben können, ist
auf 6,7 Millionen gestiegen. Die Tendenz zur chronischen
Verelendung eines wachsenden Teils der Arbeiterklasse ist
unübersehbar. Die Arbeitslosenzahl wird wesentlich durch
Ein-Euro-Jobs frisiert.
Wir müssen uns kritische Gedanken über die Zukunft der
wirtschaftlichen Entwicklung machen, statt uns wegen einer
zeitweiligen Konjunkturschwankung beeindrucken zu lassen.
So erleben wir momentan eine neue Welle der Fusionen und
Übernahmen. Die Zahl der weltweiten Fusionen und
Übernahmen von 5.801 mit einer Summe von 859 Milliarden Dollar
im ersten Quartal 2006 ist der höchste Wert seit dem 1.
Quartal 2000. Unter den zehn größten (angekündigten)
Fusionen und Übernahmen befinden sich mit Bayer/Schering,
Eon/Endessa, Linde/BOC, Siemens/Nokia (Teilbereiche der
Handysystemtechnik) vier deutsche Konzerne.
Tatsächlich gibt es aber schon eine Reihe von Anzeichen
für die überaus labile Wirtschaftslage. Es
herrscht ein allgemein unsicheres Klima, was gegenwärtig in
Zusammenhang mit der Ölpreisentwicklung und der Angst vor
einer inflationären Entwicklung in den USA zu heftigen
Kursschwankungen führt. Der DAX verzweieinhalbfachte sich mit
6.120 Punkten gegenüber dem Tiefstand im Oktober 2002, fiel
aber unlängst binnen drei Wochen bis auf unter 5.300 Punkte.
Verunsichert durch den tiefen Zusammenbruch in der
Weltwirtschaftskrise 2001 bis 2003 sind die Anleger vorsichtig
geworden. Natürlich dürfen solch kurzfristige
Kursschwankungen an den Aktienmärkten nicht
überschätzt werden. Sie sind von der Spekulation der
Anleger getrieben und überzeichnen die tatsächlichen
wirtschaftlichen Trends. Allerdings verstärken sie die
Probleme der Monopole auf der Suche nach
Verwertungsmöglichkeiten ihres Kapitals. US-Konzerne
sitzen seit längerem auf hohen Bargeldreserven (Exxon 31,9
Mrd. Dollar, Microsoft 34,8 Mrd. Dollar, Berkshire Hathaway 43 Mrd.
Dollar usw.). Allein die 30 im DAX notierten Monopole geben an, 210
Mrd. Dollar flüssiges Kapital in ihren Kriegskassen zu haben.
Das ist überschüssiges Kapital, das gegenwärtig
nicht maximalprofitbringend angelegt werden kann. Die Dimension
dieser gewaltigen Kapitalsummen zeigt den ökonomischen Druck,
der auf die kapitalistische Wirtschaft wirkt und nach einer
Lösung sucht. Schon die letzte Fusionswelle mündete
Anfang dieses Jahrtausends in einer verheerenden weltweiten
Wirtschaftskrise. Auch heute verschärft die neue Welle der
Fusionen und Übernahmen die Strukturkrise auf der Basis
der Neuorganisation der internationalen Produktion. Das erneute
Anziehen der Fusionen und Übernahmen wird sich in absehbarer
Zeit in einer neuen Weltwirtschaftkrise entladen, was die
gesellschaftlichen Strukturen tiefgreifend destabilisieren
wird.
Vor einiger Zeit wurde von Dir in Zusammenhang mit dem Opel-Streik von einem beginnenden Übergang in die Arbeiteroffensive gesprochen. Wie ist diese Entwicklung weitergegangen? Konnte er mit der Regierung der Großen Koalition aufgehalten werden?
Stefan Engel: Der 7-tägige Opel-Streik im Oktober
2004 setzte ein Signal der Arbeiteroffensive. Zwar gab es in der
letzten Zeit keinen einzelnen solch bedeutenden Kampf wie den
Bochumer Opel-Streik. Gleichzeitig zeigen sich wichtige neue
Momente und Entwicklungstendenzen, die den Übergang zur
Arbeiteroffensive vorantreiben. So erlebten wir in den ersten
Monaten dieses Jahres eine kämpferische Welle
gewerkschaftlicher Streiks und Demonstrationen. An den
gewerkschaftlichen Kämpfen bei Ver.di und Metall beteiligten
sich allein in den ersten vier Monaten 2006 knapp 1,8 Millionen
Kollegen, mehr als das Dreifache von 2005 und annähernd so
viele wie im gesamten Jahr 1993, dem vorläufigen
Höhepunkt gewerkschaftlicher Kämpfe seit der
Wiedervereinigung. Die von Ver.di organisierten Kämpfe im
Gesundheitswesen wurden zum längsten Streik, den es
jemals im öffentlichen Dienst in Deutschland gegeben
hat. Über 200.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen
führten über Monate einen hartnäckigen Kampf gegen
Arbeitszeitverlängerung und für höhere Löhne.
Zentren dieser Streiks waren große
Universitätskliniken, die umfassende
Kampfmaßnahmen entwickelten: Streiks, Mahnwachen,
Solidaritätszelte, Demonstrationen,
Solidaritäts-Aktionen, geschickte Medienarbeit usw. usf.
Besonders ausgeprägt war der Kampfwille dort, wo bei den
öffentlichen Einrichtungen Privatisierungen geplant sind. Mit
Einführung von Fallpauschalen, Kosten-Nutzen-Rechnungen und
verschiedenem mehr sind heute schon große Teile der
Beschäftigten im Gesundheitswesen zum Bestandteil des
Industrieproletariats geworden. Mit diesen Streiks sind sie es
auch politisch geworden.
An den Warnstreiks in der Metallindustrie nahmen etwa
800.000 Menschen teil, was eine Steigerung von rund 60%
gegenüber dem Jahr 2005 darstellt. Das ist bemerkenswert, da
damals die Kampfbereitschaft sehr hoch war, als die Monopole
gezwungen wurden, ihre Machtprobe mit der Arbeiterklasse zur
Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche wieder aufzugeben.
Es gab auch mindestens acht selbständige Streiks seit
Oktober 2005, darunter Streiks bei DaimlerChrysler in Bremen, bei
HSP in Dortmund, Voith in Heidenheim, TKPS in Düsseldorf,
Philipps in Aachen, ACC Oldenburg, Panasonic in Esslingen, CNH in
Berlin.
Von zukunftsweisender Bedeutung ist dabei vor allem die Zunahme
der konzern- und branchenweiten Kämpfe. Der 43-tägige
Nürnberger AEG-Streik gegen die geplante Stilllegung hatte
über Deutschland hinaus eine große Ausstrahlungskraft.
Ihm gingen selbständige Kampfaktionen voraus und er war
durchdrungen mit zwei europäischen Kampftagen im
Electrolux-Konzern: Am 12.7.05 streikten 8.000 Arbeiter in
Nürnberg, Italien, Spanien und Frankreich. Am 21.10.05
streikten und demonstrierten 25.000 Beschäftigte aus sieben
europäischen Ländern in Verbindung mit selbständigen
Kampfaktionen. Ich möchte auch daran erinnern, dass unter dem
Druck von entschlossenen, grenzüberschreitenden Streiks und
Demonstrationen der Hafenarbeiter am 18.1.2006 das EU-Parlament
Portpackage II ablehnen musste. Dieser Kampf der europäischen
Hafenarbeiter war der bisher fortgeschrittenste international
koordinierte Arbeiterkampf. Es war ein politischer Streik gegen
die EU als Instrument der internationalen Monopole. Er war EU-weit
international koordiniert. Er machte die Gewerkschaften zu
Kampforganisationen, indem sie ihre Standortpolitik zugunsten des
gemeinsamen Kampfes aufgaben. Er enthielt auch ein wichtiges Signal
für die Proteste gegen die Bolkestein-Richtlinie. 150.000
Arbeiter und Angestellte aus ganz Europa kämpften gegen die
Einführung von Dumping-Löhnen und die Verschärfung
der Konkurrenz unter den Arbeitern, obwohl die Aktionen
aufgesplittet und teilweise regelrecht desorganisiert wurden durch
die rechte Gewerkschaftsführung.
Markant ist auch, dass die Ausdauer und Härte der
Streiks im letzten Jahr deutlich zugenommen hat. So wurde beim
Catering-Monopol Gate Gourmet ein halbes Jahr lang gestreikt
verbunden mit Blockaden am Düsseldorfer Flughafen. Auch bei
Panasonic in Esslingen gibt es seit über 100 Tagen eine
Mahnwache, verbunden mit Streiks und Protestaktionen.
Auffällig ist, dass die Kampfform der
Straßenblockade immer häufiger Bestandteil der
Demonstrations- und Streikkultur wird. Das ist wichtig, um den
ökonomischen mit dem politischen Kampf zu verbinden bzw. in
den politischen Kampf überzuleiten, was den Kern der
revolutionären Taktik ausmacht.
Die Arbeiteroffensive entwickelt sich und bezieht auch
nicht-proletarische Schichten in den Kampf gegen die Regierung mit
ein. Ich erinnere an den Ärztestreik, die
Umweltaktivitäten zum Jahrestag von Tschernobyl,
radikalisierte Hochschulproteste oder Proteste im Staatsapparat,
insbesondere unter den Polizisten. Damit bekommt der Kampf die
notwendige Breite, die jede gesellschaftsverändernde Kraft
benötigt.
Der Übergang zur Arbeiteroffensive hat immer auch etwas mit der Öffnung des Kerns der Arbeiterklasse für den Sozialismus zu tun. Wie ist es in der Arbeiterbewegung mit der Offenheit für den Sozialismus bestellt?
Stefan Engel: Ohne dass die entscheidende Mehrheit der
Arbeiterklasse sich für den echten Sozialismus öffnet,
ist an den Übergang der Arbeiteroffensive auf breiter Front
nicht zu denken. Die Offenheit für den Sozialismus ist der
weltanschauliche Kern des Übergangs zur Arbeiteroffensive.
Gerade hier gibt es bemerkenswerte Entwicklungen.
Bei den diesjährigen Betriebsratswahlen konnten
klassenkämpferische Kollegen, darunter eine Reihe Mitglieder
unserer Partei, ihre Mandate vervielfachen. Das ist das
deutlichste Spiegelbild davon, dass der moderne Antikommunismus bei
einer wachsenden Masse von Arbeitern an Wirkung verliert und das
Vertrauen in die MLPD weiter gefestigt wurde. Ahnungsvoll hatte
Dietmar Hexel, DGB-Bundesvorstandsmitglied für den Bereich
“Mitbestimmung”, Anfang des Jahres öffentlich
gewarnt, er mache sich große Sorgen, dass “bei
Betriebsratswahlen radikalere Gruppen gewählt werden und die
Gewerkschaft mitbestimmen” könnten. Entsprechend dieser
zentralen Gegen-Ausrichtung mussten sich diese Wahlerfolge
häufig gegen massive antikommunistische Hetze verschiedener
reformistischer Gewerkschaftsbürokraten durchsetzen, die
teilweise sogar in Flugblättern vor den
“Kommunisten” warnten.
Bereits im August 2005 schreckten die bürgerlichen
Meinungsforschungsinstitute auf. So konnte man am 20. August 2005
im "Spiegel" lesen: “Umfrage ergibt starken Widerhall
für linke Thesen in Deutschland”. Dass die Kritik von
Karl Marx am Kapitalismus “noch heute ihren Sinn” habe,
glauben 50% im Westen und 73% der ostdeutschen Bevölkerung.
Der “Deutsche Bankenverband” widmete Ende November eine
ganze Tagung zur Veränderung der öffentlichen Meinung zur
Lebenslüge der “sozialen Marktwirtschaft”. Danach
waren noch im November 2000 nur 28% der Befragten mit der
angeblichen “Demokratie in Deutschland” unzufrieden,
während es im November 2005 schon 51% waren. Das sind vom
Standpunkt der Herrschenden natürlich äußerst
bedenkliche Entwicklungen, und das nach Jahrzehnten düsterster
antikommunistischer Meinungsmache.
Die Herrschenden befinden sich in einem Zwiespalt, wie sie mit dem
wachsenden Einfluss der MLPD und der kämpferischen Opposition
umgehen sollen. So gibt es einerseits Zugeständnisse, um zu
versuchen, den Einfluss der MLPD in Schach zu halten. Andererseits
nehmen offen politische oder auch politisch motivierte
Kündigungen und andere Repressalien gegen Marxisten-Leninisten
und andere klassenkämpferische Kollegen seit Ende 2004
deutlich zu. Allein seit Dezember 2005 gab es deshalb mindestens 11
politische Kündigungen, die einigen Gemaßregelten
ausdrücklich eine politische Nähe zur MLPD vorwarfen.
Solche Attacken sind Ausdruck einer Panikreaktion. Dem muss
offensiv entgegengetreten werden, einerseits um sie zu Fall zu
bringen, andererseits um die Farce der bürgerlichen Demokratie
zu enthüllen.
Es war genau richtig, dass wir seit Mai 2005 eine taktische
Offensive für den echten Sozialismus organisierten. Die
Propagierung des echten Sozialismus muss auch künftig der
rote Faden der Parteiarbeit sein. Damit meine ich nicht nur
bestimmte Inhalte, Rote Fahne–Artikel usw., sondern auch die
ganze Art und Weise unseres Auftretens.
Vor wenigen Wochen hat auch das 5. ZK-Plenum des 7. Zentralkomitees der MLPD stattgefunden und offenbar eine Art Zwischenbilanz der Parteientwicklung und der Leitungstätigkeit seit dem VII. Parteitag vorgenommen. Zu welchem Ergebnis ist das ZK dabei gekommen?
Stefan Engel: Wir haben eine außerordentlich
positive Bilanz ziehen können. Der VII. Parteitag hatte der
Partei die Aufgabe gestellt, die von den Herrschenden gegen die
MLPD verhängte relative politische Isolierung nachhaltig zu
durchbrechen. Das ist uns auf verschiedenen Gebieten gelungen. Der
MLPD gelingt es immer besser, ihre neue gesellschaftliche Rolle zu
meistern und souverän auszubauen.
Die Partei ist seit dem VII. Parteitag mittlerweile um 30 Prozent
gewachsen, wobei das Wachstum in den neuen Bundesländern etwa
doppelt so groß ist wie in den westlichen Bundesländern.
Es gibt allerdings noch viele Reserven, die noch gar nicht richtig
ausgeschöpft wurden.
Auch finanzpolitisch haben wir hervorragende Ergebnisse erzielen
können. Unsere Spendenkampagne zur Finanzierung der Offensive
für den echten Sozialismus, für die wir ein Ziel von
550.000 Euro gesetzt hatten - übrigens das höchste
Spendenziel in der Geschichte der MLPD - wurde mit 560.000 Euro
sogar noch übertroffen. Und das, obwohl wir erstmals bewusst
die Großspenden nicht in die laufende Spendenkampagne
einbezogen haben, wie das zum Teil bei früheren
Spendenkampagnen der Fall war. Insgesamt wurden seit Beginn letzten
Jahres über 3 Millionen Euro für die MLPD gespendet. Das
hat es seit der Gründung der MLPD noch nie gegeben und bildet
natürlich neben der Bestreitung unserer Kosten zusätzlich
eine hervorragende Reserve für die künftigen
Aktivitäten der Partei. An dieser Stelle noch einmal im Namen
des ZK vielen Dank für alle Spenden!
Zugleich bringt auch das schnelle Wachstum der Partei die
vielfältigen neuen Aufgaben in Betrieb und Gewerkschaft, in
der Wohngebietsarbeit, in der Kommunalpolitik, ein
größeres Bedürfnis an konkreter und allseitiger
Anleitung und Kontrolle und Ausbildung usw. zum Ausdruck. Es ist
einfach so, dass das ZK allein diese konkrete unmittelbare
Anleitung und Kontrolle aufgrund des schnellen Wachstums der Partei
mit ihrer bisherigen Struktur nicht mehr zufriedenstellend leisten
kann.
Deshalb befasste sich das Zentralkomitee damit, wie dieses Problem
gelöst werden kann.
Was waren die wichtigsten Schlussfolgerungen, die ihr gezogen habt?
Stefan Engel: Im Mittelpunkt stand der Beschluss zur
Reorganisierung der Partei in sieben Landesverbände und 50
Kreise bis zum VIII. Parteitag. Es ist die größte
organisationspolitische Umwälzung in der Geschichte der MLPD,
die mit einer umfassenden kaderpolitischen Veränderung der
Partei einhergeht. Viele hundert neue Genossen müssen geschult
werden, um die verschiedenen neuen Funktionen auf Gruppen-,
Ortsgruppen-, Kreis-, Landes- oder auch zentraler Ebene zu leisten.
Deshalb ist diese Reorganisierung der Partei in erster Linie eine
Offensive zum Einsatz, zur Ausbildung und Förderung neuer
Kader für die künftigen Aufgaben der Partei im
Klassenkampf. Jeder Genosse sollte sich hier Gedanken machen,
welchen Platz er bei den künftigen Aufgaben einnehmen will,
welche Selbstveränderung und welche Qualifikation er
dafür braucht. Mit der Reorganisierung in Landesverbände
und Kreise wollen wir die Anleitung und Kontrolle und Ausbildung
intensivieren und viel enger mit den konkreten Problemen vor Ort in
Betrieb und Gewerkschaft, in der Frauenarbeit, in der
Wohngebietsarbeit und der Jugendarbeit durchdringen. Nur so
können wir den schnell wachsenden Anforderungen gerecht werden
und die nötige innere Stabilität, die die Partei sich in
den letzten Jahren erkämpft hat, festigen und
höherentwickeln.
Nach dem VII. Parteitag hat ja noch ein
außerordentlicher Parteitag stattgefunden. Worum ging es da?
Der Verfassungsschutz behauptet in seinem neuesten
Bericht, dass es dort eine große
„Säuberungswelle“ gegeben habe.
Stefan Engel: Dieser erste außerordentliche
Parteitag war ein begeisterndes Novum in der Parteigeschichte der
MLPD – der lebendige Beweis, dass die MLPD Ernst macht mit
ihrem Anspruch als Partei neuen Typs. Die Stories des
„Verfassungsschutzes“ sind eine primitive und
durchsichtige Hetzkampagne des Geheimdienstes, der keinerlei
Interesse hat, sachlich über die MLPD zu berichten. Der
außerordentliche Parteitag war eine Fortsetzung des VII.
Parteitags, wo verschiedene Probleme in der Kontrolltätigkeit
nicht abschließend geklärt werden konnten. Gemeinsam
hatten ZK und ZKK eine allgemeine Untersuchung durchgeführt
und dabei auch gravierende Verstöße gegen die Richtlinien
der Kontrollkommissionen und gegen die richtige Behandlung von
Widersprüchen in der Kontrolltätigkeit festgestellt. In
die allgemeine Untersuchung wurde die Organisation einbezogen und
eine Reihe von Fehlern wurde restlos aufgearbeitet.
Es war eine beeindruckende Diskussion, die bei aller tiefgehender
Problematik zu keinem Zeitpunkt antagonistische Züge annahm
und mit einer hervorragenden Streitkultur gemeistert wurde. Zwar
wurde auf dem außerordentlichen Parteitag eine Neuwahl der ZKK
durchgeführt, um die künftige Tätigkeit
durchführen zu können. Es wurde aber niemand
„heraus gesäubert“, wie es der Verfassungsschutz
vermutet, im Gegenteil. Der außerordentliche Parteitag zeigte,
dass wir auch die kompliziertesten Probleme mit Kritik und
Selbstkritik lösen konnten und er setzte auch neue
Maßstäbe für die proletarische Streitkultur in der
Partei und in der marxistisch-leninistischen Bewegung. Wir wollen
das noch gründlich auswerten und sogar in der nächsten
Nummer des theoretischen Organs darauf eingehen.
Das wichtigste Ergebnis dieser allgemeinen Untersuchung des
außerordentlichen Parteitags ist, dass wir ein neues tieferes
Verständnis des Systems der Selbstkontrolle der Partei
erreicht haben.
Über den außerordentlichen Parteitag wurde aber bisher in der "Roten Fahne" nicht berichtet!?
Stefan Engel: Das ist richtig, wir wollten erst in der gesamten Organisation die Ergebnisse dieses Parteitags gründlich diskutieren, bevor wir eine Debatte darüber führen, an der ohnehin nur Leute mit reden können, die auch an der innerparteilichen Auseinandersetzung beteiligt sind. Die Ergebnisse des außerordentlichen Parteitags der MLPD kennzeichnen auch die ausgezeichnete Grundlage, auf der die Partei die erfolgreiche Offensive des echten Sozialismus im Zusammenhang mit den Bundestagswahlen meistern konnte. Ich erinnere daran, in welch kurzer Zeit die Partei auf diese Aufgabe vereinheitlicht werden konnte und mit welch großem Erfolg wir diese Aufgabe erledigen konnten. Das wäre mit der inneren Zerrissenheit durch eine sogenannte „Säuberungswelle“, wie es der Verfassungsschutz unterstellt, niemals möglich gewesen. Unter den Mitgliedern in unserer Partei herrscht eine große Einheit, Begeisterung, Stolz über ihre Partei, ein großes gewachsenes Vertrauen, Überzeugung in unsere ideologisch-politische Linie und eine große Aufbruchstimmung für das Meistern der künftigen Aufgaben.
Welche politische Perspektive siehst du in Deutschland und Europa für die Entwicklung des Klassenkampfes?
Stefan Engel: Ich bin bereits auf die bedeutenden Kämpfe der Hafenarbeiter gegen die Bolkestein-Richtlinie eingegangen. Es gibt aber weitere wichtige Entwicklungen, die wir nicht unterschätzen dürfen. So waren die Klassenkämpfe in Frankreich ein wichtiges Signal an die Arbeiter aller EU-Länder, denn die Gesetze, die die breiten Massen mit der Arbeiterklasse in Frankreich zu Fall brachten, sind überall zum Teil noch in schärferer Form geplant. Kämpfen wie in Frankreich – ist zu einer regelrechten europäischen Losung geworden. In Italien erlebten wir in einer beeindruckenden Auseinandersetzung, wie der Antikommunist Berlusconi geschlagen und aus dem Amt gewählt wurde. Das war nicht selbstverständlich, denn Berlusconi kontrolliert als Medienzar nicht nur die privaten Medien, sondern auch den öffentlichen Rundfunk und das Fernsehen. Es ist ihm nicht gelungen, mit einer aggressiv antikommunistischen Hetze die Leute davon abzuhalten, die Opposition zu wählen und ihm die Wahlniederlage zu verpassen. Das ist ein wichtiger Sieg gegen den Antikommunismus, der zugleich eine wachsende Hinwendung zum Sozialismus signalisiert. Es ist sehr wichtig, dass sich die Arbeiterklasse in Europa diese Erfahrungen in Frankreich, Italien, aber auch in Deutschland zu eigen macht. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es dringend erforderlich ist, Schritte zu unternehmen, den Klassenkampf in den europäischen Ländern besser zu koordinieren, aufeinander abzustimmen und die Wechselwirkung zwischen den Klassenkämpfen und dem Parteiaufbau in den einzelnen europäischen Ländern besser miteinander zu verbinden. In der nächsten Zeit will die MLPD in diesem Sinne auch mit anderen marxistisch-leninistischen Parteien in Europa zusammen treten und entsprechende Vorschläge unterbreiten.
Hat die MLPD schon Vorstellungen, wie eine solche Koordinierung und Revolutionierung des Klassenkampfs zwischen den einzelnen Ländern Europas organisiert werden könnte?
Stefan Engel: Natürlich hat die MLPD Vorschläge, aber es ist sehr wichtig, dass die Vorschläge aller Beteiligten auf den Tisch kommen und sie zu einer systematischen Form der Zusammenarbeit finden, die sowohl dem Stand des Parteiaufbaus und Klassenkampfs in den einzelnen Ländern gerecht wird, wie auch die fortgeschrittensten Elemente des Parteiaufbaus und Klassenkampfs in Europa für die Arbeiterklasse in allen Ländern in Europa nutzbar macht. Das erfordert einen gleichberechtigten Diskussionsprozess auf gleicher Augenhöhe, dem meines Erachtens aber klare Organisationsformen folgen müssen, in deren Rahmen sich eine solche Koordinierung abspielen kann. Es geht auf jeden Fall nicht, dass sich die internationalen Monopole mit der EU ein gemeinsames Organ zur Ausübung ihrer Klassenherrschaft geschaffen haben, während die Arbeiterklasse noch zersplittert, unkoordiniert diesen Angriffen gegenüber steht und vereinzelt gegen die Wirkungen dieser EU-Politik tätig wird. Wir müssen aufpassen, hier nicht von den objektiven Gegebenheiten überrollt zu werden.
Nun sind drei Jahre seit der Herausgabe des Buches „Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung’“ vergangen. Konnte das Buch die angestrebte Diskussion über die neuen imperialistischen Entwicklungen erreichen?
Stefan Engel: Mit diesem Buch legten wir im März
2003 eine marxistisch-leninistische Analyse der Neuorganisation der
internationalen Produktion vor, die sich in der 1990er Jahren
durchgesetzt hatte. Wir haben nachgewiesen, dass die nun
vorherrschende Produktionsweise des internationalen Finanzkapitals
den Grundwiderspruch des Kapitalismus zwischen der
Vergesellschaftung der Produktion und der privaten Aneignung an
einen Punkt geführt hat, an dem eine neue Phase in der
Entwicklung des Imperialismus eingetreten ist. Die materiellen
Voraussetzungen für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen haben sich durch die
Internationalisierung der gesellschaftlichen Produktion und
Verteilung im Weltmaßstab vervollkommnet. Charakteristisch
dafür ist ein neuer Widerspruch, der wie eine unheilbare
offene Wunde klafft: Die internationalisierten Produktivkräfte
rebellieren gegen die nationalstaatlich organisierten
kapitalistischen Produktionsverhältnisse.
Diese Analyse hat sich als ein Volltreffer erwiesen und wir konnten
mit diesem Buch systematisch Einfluss auf die wachsende
öffentliche Debatte über die Funktionsfähigkeit des
kapitalistischen Gesellschaftssystems nehmen.
Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen hat herausgefunden, dass
»unter der Prämisse des marxistisch geprägten
Theorieansatzes in letzter Zeit unter anderem drei Bücher auf
besondere Resonanz gestoßen sind.“ Dazu zählt er
die »Götterdämmerung über der ‚neuen
Weltordnung’«. Na also, der Verfassungsschutz weiß
ja doch mehr, als er immer tut!
Auch in der internationalen marxistisch-leninistischen und
Arbeiterbewegung stößt das Buch auf eine große
Resonanz. Es erschien bereits auf englisch, französisch und
spanisch und wird von verschiedensten revolutionären und
marxistisch-leninistischen Organisationen intensiv diskutiert und
verbreitet. Die Herausgabe auf türkisch, griechisch, russisch
und persisch wird zur Zeit vorbereitet.
Damals wurde angekündigt, dass ein zweites Buch folgen soll, das sich insbesondere mit den Schlussfolgerungen für die Strategie und Taktik im Klassenkampf und in der Vorbereitung der internationalen Revolution befassen soll. Wie weit ist diese Arbeit fortgeschritten?
Stefan Engel: Inzwischen sind eine umfangreiche,
detaillierte Gliederung, Arbeits- und Analyseplan, ein Entwurf der
Einleitung und erste Abschnitte ausgearbeitet. Vor allem haben wir
den roten Faden des Aufbaus dieses Buchs gründlich durchdacht
und wir haben inzwischen schon eine klare Konzeption.
Bei der Vorarbeit sind wir darauf gestoßen bzw. fanden
bestätigt, dass alle Klassiker von Marx bis Mao Tsetung die
Strategie und Taktik der internationalen Revolution als
Leitlinie hatten und dies auf die jeweilige Situation zur
Vorbereitung der Revolution in einzelnen Ländern anwendeten.
Das ist natürlich ein Schlag in das Kontor aller Dogmatiker,
die die internationale Revolution für eine Erfindung der MLPD
halten.
Der Gegenstand, auf den sich unsere Betrachtung bezieht, ist der
weltweite Kampf gegen den Imperialismus und die Erkämpfung der
vereinigten sozialistischen Staaten der Welt. Das umfasst
natürlich auch die Aufgaben, die dabei von der Arbeiterklasse
in den einzelnen Ländern gelöst werden müssen. Das
kann nicht allein aus der Analyse der Klassenverhältnisse und
des Klassenkampfs einzelner Länder und Nationen abgeleitet
werden, wenngleich sie wichtigster Ausgangspunkt bleiben
müssen. Diese Analyse muss sich insbesondere auf die
Entwicklung der neuen Elemente des internationalen Klassenkampfs
beziehen, die sich seit der Neuorganisation der internationalen
Produktion mehr und mehr herausgebildet haben und noch weiter
herausbilden werden.
Die Reise nach Lateinamerika im letzten Herbst hat hierfür
sehr wichtige Impulse und äußerst wertvolle Erkenntnisse
gegeben. Wir haben als Auswertung dieser Reise und auch als Beitrag
zur Entstehung des neuen Buchs mit der Veranstaltungsreihe
„Internationalismus live“ begonnen. Diese Abende, die
wir bisher zu Argentinien, Bolivien, Peru, Kolumbien, Frankreich,
den Philippinen und zum Kampf gegen den Faschismus
durchgeführt haben, erfreuen sich mit 200 bis 400 Teilnehmern
von Anfang an großer Beliebtheit.
Ein neuer Aufschwung des Kampfs für den Sozialismus kann nur
auf der Grundlage eines neuen Geistes des proletarischen
Internationalismus in der internationalen
marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung erfolgen.
Das neue Buch wird also entstehen aus der Diskussion und in der
Zusammenarbeit der Marxisten-Leninisten in der ganzen Welt ebenso
wie einer regen öffentlichen Debatte der Thematik in
Deutschland.
Wir haben gehört, dass das ZK inzwischen eine Geschichtskommission eingesetzt hat. Wie steht das in Zusammenhang mit den Aufgaben der theoretischen Arbeit?
Stefan Engel: Im Rahmen der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG haben wir kürzlich eine Geschichtskommission eingesetzt, die zwei Aufgaben hat: einerseits gezielte Untersuchungen zur Geschichte der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung für die theoretische Arbeit, und andererseits, die Geschichte der MLPD weiter zu schreiben. Die „Geschichte der MLPD“ endet ja mit der Parteigründung 1982, die immerhin jetzt schon 24 Jahre her ist. Was die Untersuchung der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung betrifft, so sind wir insbesondere verpflichtet, bestimmte Erfahrungen der alten kommunistischen Bewegung auszuwerten, die für die Vorbereitung der internationalen Revolution von Bedeutung sind. Das bezieht sich z.B. auf die verschiedenen Organisationsformen der Kommunistischen Internationale, der positiven und auch negativen Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, und die Schlussfolgerungen, die wir daraus für heute ziehen müssen. Das bezieht sich aber auch auf Fragen der richtigen Behandlung von Widersprüchen im Sozialismus, wo es noch eine Reihe ungeklärter Fragen gibt. Mit der zeitweiligen Öffnung der Archive in der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren wurden auch eine Reihe Dokumente öffentlich, die es uns ermöglichen, in der Klärung bestimmter offener Fragen über den Klassenkampf im Sozialismus in der Sowjetunion in den 1930er Jahren weiter zu kommen. Wir werden das sehr sorgfältig tun, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Geschichtskommission ist also ein neues wichtiges Aufgabenfeld des Zentralkomitees in der Festsetzung und Weiterentwicklung der ideologisch-politischen Linie der Partei.
Auf was konzentriert sich die MLPD im Moment und in der nächsten Zeit?
Stefan Engel: Momentan steht unsere Betriebs- und
Gewerkschaftsarbeit im Zentrum der Aufmerksamkeit der gesamten
Partei. Hier hat die MLPD seit jeher ihre Hauptkampflinie und hier
haben wir auch unsere stärksten Trümpfe und Bastionen. Im
Mittelpunkt steht dabei der zielstrebige
Betriebsgruppenaufbau, der von der ganzen Partei und ihrem
Jugendverband getragen werden muss. Das ist gegenwärtig die
wichtigste Vorbereitung auf die kommenden
Arbeiterkämpfe.
Wir unterstützen auch die Vorbereitungen des
überparteilich organisierten und internationalen
Automobilarbeiterratschlags, der im Mai 2007 stattfinden soll. Wir
setzen darauf, dass er der internationalen Koordinierung des
Klassenkampfs der Automobilarbeiter einen wichtigen Schub verleihen
wird. Wir unterstützen es nach Kräften, dass bei diesem
Automobilarbeiterratschlag tatsächlich die internationale
Seite mit entsprechenden Beiträgen, Gästen usw. im
Mittelpunkt steht. Am 16. September beteiligen wir uns wieder am 3.
Sternmarsch der bundesweiten Montagsdemonstration gegen die
Regierung in Berlin.
Nach den Sommerferien wollen wir vor allem unsere
frauenpolitische Arbeit intensivieren. Es ist wichtig, dass
die kämpferische Frauenbewegung Impulse an die
kämpferische Opposition gibt und selbst neue Impulse
erhält. Insbesondere muss sie auch dem kleinbürgerlichen
Feminismus stärker entgegentreten, weil dieser zersetzend auf
die Frauenbewegung wirkt, ihre Initiativen lähmt und
desorganisiert. Nach dem Scheitern des „Lobbyismus“ und
des „Gender Mainstreaming“ verbreitet er Katzenjammer
und Niedergangsstimmung über die Frauenbewegung. Den Schuh
braucht sich die kämpferische Frauenbewegung mit ihrer seit
Jahren berechtigten Kritik an der Institutionalisierung und
Integration der Frauenbewegung in staatliche Strukturen doch nicht
anziehen zu lassen! Im Gegenteil erfordert die fortschreitende
Krise der bürgerlichen Familienordnung und die damit einher
gehende Verschärfung der doppelten Ausbeutung und
Unterdrückung dringend einen Aufschwung der internationalen
kämpferischen Frauenbewegung.
Der diesjährige frauenpolitische Ratschlag wird sicherlich
wieder zu dem Top-Event der kämpferischen Frauenbewegung, der
tatkräftig von unseren Genossinnen und Genossen
unterstützt wird. Er wird wie 2004 hoffentlich eine besondere
Note in seinem Beitrag zur Koordinierung der internationalen
Frauenbewegung haben. Es ist wünschenswert, dass er sein
Spektrum noch weiter verbreitet.
Anfang nächsten Jahres wollen wir dann die
marxistisch-leninistische Jugendarbeit ins Zentrum
rücken. Wir verfügen über einen intakten
Jugendverband in Deutschland, über eine besondere
Anziehungskraft unter Jugendlichen. Zugleich müssen wir
feststellen, dass die Höherentwicklung unserer Jugendarbeit zu
einer wirklichen Massentaktik im Parteiaufbau noch ein
ungelöstes Problem der Parteiarbeit ist. Dabei haben
wir eine ausgezeichnete jugendpolitische Linie, mit der sich die
gesamte Partei in diesem Zusammenhang intensiv befassen, die Arbeit
auswerten und auch neue Wege ausprobieren wird. Vor allem muss
begriffen werden, dass der entfaltete Kampf um die Denkweise unter
der Jugend nur durch eine tagtägliche Massenschule der
proletarischen Denkweise positiv gelöst werden kann. Das liegt
in erster Linie in der Verantwortung der Partei auf allen ihren
Ebenen. Dabei wird das internationale Pfingstjugendtreffen 2007
sicherlich zu einem jugendpolitischen Höhepunkt werden.
In der „jungle world“ ist letzte Woche ein Interview mit dir erschienen, das ausdrücklich auf den 25. Jahrestag der Parteigründung am 20. Juni 1982 Bezug nimmt. Sind zu dem 25. Jahrestag im Jahr 2007 Aktivitäten der Partei geplant?
Stefan Engel: Bereits der VII. Parteitag hat beschlossen,
dass zum 25. Jahrestag der Parteigründung kräftig
gefeiert wird. Das ist natürlich Anlass zu besonderen
Aktivitäten und Veranstaltungen! Zweifellos werden sie die
MLPD unter den breiten Massen bekannter machen und viele neue
Menschen an die Partei heranführen. Geplant ist bisher, neben
einem kleinen Festakt am 20. Juni 2007, dem eigentlichen
Gründungstag, Anfang August eine zentrale drei-tägige
Veranstaltung durchzuführen. Diese soll zwei Teile haben:
einerseits eine breite Diskussion über die Auswirkungen der
Neuorganisation der internationalen Produktion auf die breiten
Massen und den Kampf dagegen. Am dritten Tag soll andererseits eine
große zentrale Veranstaltung im Ruhrgebiet stattfinden, auf
der die Partei sich vielseitig vorstellt und auf der wir diese
wichtige Zeit noch einmal Revue passieren lassen wollen.
Darüber hinaus werden alle Aktivitäten in 2007 in einem
besonderen Zusammenhang zum 25. Jahrestag der MLPD stehen, und es
werden sicherlich auch einige örtliche Veranstaltungen,
Diskussionen, Gesprächsrunden dazu organisiert werden.
Unser Programm für die nächsten 15 Monate ist also sehr
dicht. Wir haben damit alle Hände voll zu tun! Doch der
Tatendurst und die Energie der Mitglieder in MLPD und REBELL, die
Erwartungen aus den Massen verpflichten uns gerade zu einem solchen
Feuerwerk der Parteiarbeit. Ich wünsche uns allen dazu eine
gute Zusammenarbeit und viel Erfolg!

