Die Offensive für den echten Sozialismus ist gut angelaufen (15.06.2005)
Rote Fahne: Seit dem Wahldesaster von SPD/BündnisGrünen in Düsseldorf haben wir auch eine Regierungskrise der Schröder/Fischer-Regierung. Hektische Aktivitäten zur Vorbereitung einer vorgezogenen Neuwahl bestimmen das Bild. Nach der positiven Reaktion der Börse hat man den Eindruck, dass das erfolgversprechend zu sein scheint.
Stefan Engel: Die Börsen spekulieren
darauf, dass endlich wieder eine Regierung die Geschäfte
übernimmt, die auch eine Massenbasis unter der
Bevölkerung hat. Aber das sind eher Wünsche als reale
Prognosen. Die Zeiten stabiler Regierungsverhältnisse sind
vorbei. Das gilt auch für einen sich abzeichnenden
Regierungswechsel. Mit dem Nein der Massen in Frankreich und den
Niederlanden zur EU-Verfassung ist das ganze Europaprojekt in die
Krise geraten. Das hat natürlich die politische Krise in
Deutschland enorm verschärft.
Die Spitzen von SPD und Grünen sind zerstritten und schieben
sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Keiner will schuld sein am
Desaster! Nicht wenige Sozialdemokraten - vor allem in NRW - haben
die Nase erst mal voll von Wahlkampf und Wahlniederlagen. Bei den
Grünen nagt der Zahn der Verdrossenheit inzwischen sogar schon
an Übervater Joschka Fischer.
Rote Fahne: Befinden sich CDU/CSU und FDP nicht im Aufwind?
Stefan Engel: In CDU und CSU wird darüber gestritten, wie offen im Wahlkampf und in einer künftigen Regierung der weitere Kurs des verschärften Abbaus sozialer Errungenschaften und demokratischer Rechte und Freiheiten aussehen soll. Wohlgemerkt, der verschärfte Kurs steht außer Zweifel und wird von den Monopolverbänden auch nachdrücklich verlangt. Es geht nur um Form und Verpackung der geplanten Angriffe. Vielleicht kann Merkel die Lage zeitweilig entspannen, lösen kann auch sie die Problematik nicht. Jede Regierung, die die gegenwärtige Monopolpolitik weiterführen will, wird schnell das Vertrauen der Massen verlieren.
Rote Fahne: Wie beurteilst du die Entwicklung des Bewusstseins und der Stimmung unter den Massen?
Stefan Engel: Fallende Umfragewerte für
die bürgerlichen Parteien sind ja schon der normale Alltag.
Aber derzeit entwickeln sich deutlich die Kämpfe in der
Arbeiter- und Volksbewegung. Am vergangenen Freitag demonstrierten
5.000 Kollegen und Kolleginnen von BASF in Ludwigshafen für
höhere Löhne und Gehälter. In Hemer und Lahr kam es
zu - teilweise selbstständig organisierten! -
Massendemonstrationen gegen die angekündigte
Arbeitsplatzvernichtung bei Grohe. Bei DaimlerChrysler in Mettingen
gab es eine kämpferische Betriebsversammlung von über
sechs Stunden mit riesiger kämpferischer
Diskussionsbeteiligung. Ein neuer Kampf der Autobauer bei
DaimlerChrysler bahnt sich an. Entschieden wurden die geplante
Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung in einem neuen
Dienstleistungsvertrag abgelehnt. Im Bergbau werden offene
Massenentlassungen vorbereitet und die Kumpels haben bereits
entschiedenen Widerstand angekündigt. In der Druckindustrie
sind die Tarifverhandlungen am kämpferischen Widerstand
der Belegschaften zur Verteidigung der 35-Stunden-Woche
gescheitert.
All das baut auf der Entwicklung zur Arbeiteroffensive seit dem 1.
Mai 2003 und den Erfahrungen des Opel-Streiks auf. In NRW bekommt
die neue Landesregierung auf jede Ankündigung von
Verschlechterungen jeweils prompt die Antwort: Tausende Studenten
demonstrierten gegen die Einführung von Studiengebühren!
Hunderte demonstrierten in Ahaus gegen die neuerlichen
Atommülltransporte. Für bedeutend halte ich auch die
Proteste zahlreicher "kleiner Parteien" gegen die undemokratische
Wahlbehinderung im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl.
Rote Fahne: Offenbar will die SPD-Führung nun durch eine Art Linksschwenk wieder Boden gut machen.
Stefan Engel: Das nimmt inzwischen schon groteske Formen an - wie der Besuch des Karl-Marx-Museums in Trier von Franz Müntefering. Der arme Marx! Doch die pseudolinken Sprüche aus der SPD werden nicht viel fruchten. Die Diskrepanz zwischen scheinheiliger Kapitalismuskritik und knallharter Politik der SPD-Führer im Auftrag der deutschen Sektion des internationalen Finanzkapitals ist einfach zu groß. Das vergessen die Arbeiter, die kleinen Angestellten oder die Arbeitslosen so schnell nicht!
Rote Fahne: Was ist eigentlich aus dem linken Wahlbündnis geworden, das Lafontaine am Tag nach der Landtagswahl in NRW vorgeschlagen hatte?
Stefan Engel: Die Idee für ein linkes
Wahlbündnis ist unter Federführung der Parteispitzen von
PDS und WASG zu einem Plan zur Gründung einer neuen
linksreformistischen Partei verkümmert. Konkret für die
Bundestagswahl ist eine offene Liste der PDS her-ausgekommen, die
für WASG-Vertreter geöffnet wird. Jetzt tobt ein
peinlicher Streit um Parlamentssitze, der das ganze Projekt
durchaus wieder an den Rand des Scheiterns führen kann. So
beansprucht die PDS bereits die ersten fünf Listenplätze
in Berlin für sich und versucht der kleineren und
organisatorisch schwächeren WASG den Takt zu diktieren, die
sich dagegen entschieden zur Wehr setzt. Völlig ausgeklammert
wurde bisher die programmatische Vereinheitlichung, was ja im
Normalfall das erste ist, was geklärt werden muss, bevor man
sich zusammentut.
Wir brauchen in Deutschland auf den Trümmern des
reformistischen Scherbenhaufens keine neue linksreformistische
Partei - keinen Neuaufguss der SPD vor Schröder, die ebenfalls
auf der Lebenslüge von der sozialen Marktwirtschaft aufbaut.
Die Arbeiterklasse und die breiten Massen brauchen eine neue
gesellschaftliche Perspektive! Und das kann nur eine Bewegung
für den echten Sozialismus sein!
Ein tatsächliches linkes Wahlbündnis hätte unter
bestimmten Umständen ein wichtiges Signal für die
Überwindung der Zersplitterung der Linken im Kampf gegen die
neoliberale Monopolpolitik auf Kosten der breiten Massen sein
können. Nur darauf wäre es angekommen! Wenn aber die
Positionen und Beteiligung der MLPD bewusst ausgegrenzt werden,
dann muss das auch als eine bewusst vollzogene Trennungslinie
gegenüber der revolutionären Linken verstanden werden.
Eine linke Liste ohne Marxisten-Leninisten wäre für mich
wie eine Fußballmannschaft ohne Stürmer.
Die MLPD hat den Vorschlag von Oskar Lafontaine zu einem linken
Zusammenschluss auf der Grundlage des gemeinsamen Kampfes gegen die
volksfeindliche Regierung sofort begrüßt und positiv mit
inhaltlichen Vorschlägen aufgegriffen. Außer einem
unverbindlichen, hinhaltenden Brief des PDS-Vorsitzenden Bisky war
die Resonanz bisher gleich Null. Auch eine Antwort!
Diesem doch etwas respektlosen Vorgehen gegenüber der MLPD,
der ich von allen Beteiligten wohl ohne Übertreibung das
größte Mobilisierungspotenzial zutraue, entspricht
das Verhalten gegenüber der eigenen Parteibasis. Ich finde es
doch bemerkenswert, dass hier die Parteispitzen beraten - und ihre
Ergebnisse bereits als feststehende Vereinbarung an die Medien
gegeben werden. Noch bevor die geplante Urabstimmung bei der WASG
durchgeführt wird, stellt die PDS ein Ultimatum an die
WASG-Spitze, sich zu entscheiden. Wenn es zu dieser gemeinsamen
Kandidatur einer PDS/Offene Liste kommt, liegt darin auf jeden Fall
schon heute ein Sprengsatz für Zerwürfnisse und
Spaltungen.
Ich bin mir sicher: die MLPD-Mitglieder würden auf die
Barrikaden gehen, wenn sich bei uns ein Funktionär auch nur
ansatzweise ein solches Verhalten leisten würde. Und das zu
Recht!
In den letzten Wochen wurde innerhalb kürzester Zeit an der
gesamten Parteibasis der MLPD die politische Lage, aber auch die
daraus resultierenden Anforderungen an die MLPD und ihr Verhalten
zu den vorgezogenen Neuwahlen diskutiert. Daraus ist eine
Fülle von Meinungen und Erfahrungen, eine klare
Entscheidungsgrundlage und eine hohe Vereinheitlichung in MLPD und
REBELL entstanden. Ein solch demokratischer Stil hat natürlich
auch sofort große Ausstrahlung nach außen.
Rote Fahne: Ist die MLPD inzwischen zu einer eigenständigen Kandidatur entschlossen?
Stefan Engel: Ja, selbstverständlich. Eine
eigene Kandidatur hat natürlich den Vorteil, dass wir den
Takt, die Argumentation, die Programmatik und den Stil des
Wahlkampfs eigenständig bestimmen können. Aufgrund der
Kürze der Zeit mussten wir umgehend mit der Vorbereitung
unserer eigenen Kandidatur, der Aufstellung der Kandidaten und der
Sammlung von Unterschriften beginnen. Wir haben uns entschieden,
das auch als Beitrag für die Stärkung der
kämpferischen Opposition zu organisieren. Wir haben also
unsere Listen weit für Kandidaten der kämpferischen
Opposition geöffnet, soweit das in der Kürze der Zeit
möglich war. Wir nehmen auch bewusst fortschrittliche
Positionen, Forderungen und Aktivitäten verschiedenster
fortschrittlicher Bewegungen in unseren Wahlkampf auf.
Zugleich halten wir die Option einer Beteiligung an einem wirklich
linken Wahlbündnis noch offen. Das fällt uns nicht
leicht, weil es natürlich auch eine Reihe berechtigter
Bedenken gibt und natürlich auch Kompromisse bedeutet, die man
im Sinne einer gemeinsamen Sache gegenüber den
Bündnispartnern selbstredend eingehen muss. Aber unsere
Aktivitäten für eine Offensive des echten Sozialismus
werden wir auch nicht davon abhängig machen, ob PDS oder WASG
auf unser ernst gemeintes Angebot eingehen.
Rote Fahne: Wie ist der Start in die Vorbereitung der eigenständigen Kandidatur der MLPD/Offene Liste gelaufen?
Stefan Engel: In der kürzesten Frist gelang es, in allen 16 Bundesländern Landeslisten sowie in 36 Kreisen Direktkandidaten aufzustellen. Darunter sind auch parteilose Repräsentanten aus der Arbeiter- und Volksbewegung oder z.B. auch Mitglieder von PDS und DKP. Das drückt eine hervorragende Initiative aus, für die ich mich bei allen Mitgliedern und Freunden herzlich bedanken will. Am letzten Wochenende wurden bereits Tausende von Gesprächen geführt und ca. 1.800 Unterschriften für die Landeslisten und 600 für Direktkandidaten gesammelt. Ca. 700 Mitglieder haben sich bisher in die Listen der Wählerinitiativen der MLPD/Offene Liste eingetragen. Auch die Spendensammlung für den Wahlkampf und die Werbung von zahlreichen Probeabonnenten der Roten Fahne hat lebhaft begonnen. Wie immer fühlen sich die MLPD und ihre Freunde von den größten Aufgaben am lebhaftesten herausgefordert! Dass wir innerhalb von acht Wochen 40.000 Unterschriften für die Wahlzulassung zu sammeln haben, ist natürlich kein Pappenstil. Mit jedem neu gewonnenen Wahlhelfer wächst aber zugleich die Bewegung "Neue Politiker braucht das Land!". Deshalb werden am Ende auch nicht alleine Unterschriften auf Formularen stehen, sondern eine wachsende Masse von Menschen, die gemeinsam mit der MLPD und ihrem Jugendverband REBELL die eigenen Geschicke fortan selbst in die Hand nehmen werden.
Rote Fahne: Vielen Dank für dieses Gespräch und weiterhin viel Erfolg im so begeisternd begonnenen Wahlkampf der MLPD/Offene Liste.

