Erfolgreicher Hamburger Parteitag der MLPD (16.09.08)
Rote Fahne: Soeben haben wir erfahren, dass die MLPD ihren VIII. Parteitag durchgeführt hat. Kannst du kurz darstellen, was seine wichtigsten Aufgaben und Ergebnisse waren?
Stefan Engel: Der VIII. Parteitag konnte auf
die erfolgreichste Leitungsperiode eines Zentralkomitees seit der
Parteigründung zurückblicken. Es gelang uns wie nie
zuvor, die relative Isolierung der Partei nachhaltig zu
durchbrechen und zu einer gesamtgesellschaftlich bedeutenden Kraft
zu reifen. Das musste gründlich ausgewertet werden, um daraus
Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Politisch
befinden wir uns auf Grundlage der Neuorganisation der
internationalen Produktion in einer allgemeinen
Übergangssituation. Das führt zu einer komplizierten
wirtschaftlichen und politischen Gemengelage, die sich entsprechend
in der Entwicklung des Klassenbewusstseins niederschlägt. Die
wichtigste Entwicklung im Klassenbewusstsein ist der
allgemeine Linkstrend, der sich seit 2003 unter
den breiten Massen insbesondere im Kern des Industrieproletariats
herausgebildet hat. Der Parteitag musste sich mit diesem Linkstrend
befassen, die Rolle der MLPD in diesem Linkstrend analysieren und
sich für die Zukunft positionieren.
Der VIII. Parteitag nimmt sicherlich eine herausragende Bedeutung
in der Geschichte der MLPD ein, weil er den Übergang zur neuen
Grundlage des Parteiaufbaus - der Arbeit auf der Grundlage der
proletarischen Denkweise - nach 13 Jahren vollenden konnte. Er
bewies eine große Reife der Partei, eine gewachsene
Schlagkraft und Anziehungskraft auf die Massen, was sich
insbesondere in dem deutlichen Mitgliederwachstum
ausdrückte.
Die ausführlichen Vorbereitungen des Parteitags beinhalteten
nicht zuletzt auch die Gründung von sechs neuen
Landesverbänden. Nach diesen vor allem innerparteilichen
Diskussionen drängt die Organisation bereits darauf, die neuen
Erkenntnisse und Beschlüsse in der Praxis anzuwenden.
Rote Fahne: Wird die MLPD vom Linkstrend profitieren können?
Stefan Engel: Ja, auf jeden Fall, weil er eine
gewachsene Offenheit für eine sozialistische Alternative zum
Ausdruck bringt. Es ist heute wieder selbstverständlich, dass
man vom Kapitalismus, seiner Profitmacherei, von Ausbeutung usw.
spricht, statt von "sozialer Marktwirtschaft", vom "Sozialstaat"
und "sozialen Frieden". Der Linkstrend ist eine Widerspiegelung der
objektiven Entwicklung der historischen Umbruchphase vom
Kapitalismus zum Sozialismus. Dies hat mit der Neuorganisation der
internationalen Produktion eingesetzt. Sie lässt die
Realitäten und Klassenwidersprüche in der Entwicklung des
Imperialismus krass zu Tage treten und die Massen verstärkt
nach einer gesellschaftlichen Alternative suchen.
Zugleich wäre es eine Illusion, den Linkstrend pauschal als
Ausdruck der proletarischen Denkweise anzusehen. Der Linkstrend ist
eine neue qualitative Stufe in der Entwicklung des
Klassenbewusstseins: Die seit Jahren beobachtete
Loslösung der Massen von den bürgerlichen Parteien, dem
bürgerlichen Parlamentarismus und seinen Institutionen hat
jetzt eine eindeutige Richtung genommen gegen den Kapitalismus und
seine menschenverachtende Profitmacherei. Auf der anderen Seite
sind die Massen noch nicht fertig mit
kleinbürgerlich-reformistischen oder
kleinbürgerlich-revisionistischen Prägungen, die sich in
Jahrzehnten herausgebildet haben. So geht der Linkstrend noch
vielfach einher mit einer Hoffnung auf die Durchsetzung einer
gesellschaftlichen Alternative auf parlamentarischem Wege oder auf
andere Lösungen innerhalb des kapitalistischen Systems. Der
gegenwärtige Linkstrend ist also noch kein sozialistisches
Bewusstsein, sondern kennzeichnet einen Übergang zu
einem solchen sozialistischen Bewusstsein, das sich
allerdings nicht automatisch herausbilden wird.
Unsere internationalen Gäste auf dem VIII. Parteitag
verdeutlichten uns anschaulich, dass der Linkstrend und die damit
verbundene Auseinandersetzung eine internationale Erscheinung ist.
So sind insbesondere in Nepal, Venezuela, in Ecuador oder in
Bolivien fortschrittliche antiimperialistische Regierungen
gewählt und die reaktionären Regierungen abgelöst
worden. Doch eine fortschrittliche Regierung zu haben, bedeutet
noch lange nicht, die Macht zu haben! Die antiimperialistischen
Regierungen erweitern einerseits den Spielraum der
revolutionären antiimperialistischen Massenbewegungen,
andererseits haben diese Regierungen oft eine linksreformistische
und neorevisionistische Grundlage. Sie bewegen sich im Rahmen des
Systems, verbreiten die Illusion systemüberwindender Reformen
und stärken somit objektiv - ob sie das wollen oder nicht -
die Illusion in die Reformierbarkeit der kapitalistischen und
imperialistischen Ausbeutungsverhältnisse. Dabei gibt es
derzeit in Lateinamerika immer mehr Anzeichen für eine
konterrevolutionäre und kriegerische Unterdrückung der
linken Entwicklungsrichtung. In dieser Situation ist es besonders
wichtig, dass die Lehren des blutigen Massakers in Chile 1973
eindringlich in Erinnerung gerufen werden: Es gibt keinen Weg zum
Sozialismus ohne die Zerschlagung der bürgerlichen Staatsmacht
und die Errichtung der Diktatur des Proletariats! Deshalb ist
unsere wichtigste Schlussfolgerung für die Arbeit der
nächsten Zeit eine neue taktische Offensive für den
echten Sozialismus!
Rote Fahne: Was soll man sich darunter vorstellen?
Stefan Engel: Für diese neue Offensive
für den echten Sozialismus werden wir das Wahljahr 2009
nutzen. Die MLPD wird dazu an den Bundestagswahlen 2009 teilnehmen.
Noch im September werden wir die Aufstellung unserer Landeslisten
in allen Bundesländern abgeschlossen haben. Wir kandidieren
als MLPD/Offene Liste, öffnen also unsere Listen auch bei
dieser Wahl wieder für parteilose Menschen aus der
kämpferischen Opposition.
Der Kern dieser Arbeit wird eine weltanschauliche Offensive
für den echten Sozialismus sein. Die Massen müssen eine
positive und greifbare Vorstellung von dem bekommen, was wir unter
"echtem Sozialismus" verstehen. Und sie müssen - zumindest in
groben Zügen - unsere Kritik an der revisionistischen
Entartung der alten kommunistischen Bewegung und die
Schlussfolgerungen der MLPD begreifen. Das gilt ebenso für
unsere Kritik an der Untauglichkeit der linksreformistischen
Strategie Lafontaines und seiner Linkspartei.
Diese weltanschauliche Offensive steht in Verbindung mit der
Verankerung und Entfaltung des Kampfes für die wichtigsten
ökonomischen und politischen Forderungen der Massen und die
vielfältige Förderung ihrer Organisiertheit. Auf dieser
taktischen Ebene gibt es viele Übereinstimmungen mit der
Linkspartei, die wir auch entsprechend würdigen. Ich denke
z.B. an die Forderungen "Weg mit Hartz IV", "Sofortiger Abzug
deutscher Truppen aus Afghanistan" usw. Wir werden das besondere
politische Interesse der Massen in Wahlkampfzeiten auch nutzen,
weiter an der nachhaltigen Durchbrechung der relativen Isolierung
der MLPD zu arbeiten. Wir müssen dazu systematisch
öffentlich in Erscheinung treten und immer umfassender zu
einem nicht mehr wegzudenkenden Faktor in der gesellschaftlichen
Auseinandersetzung werden. Das ist angesichts der weitgehenden
Mediensperre gegenüber der MLPD heute noch in erster Linie
eine Frage der systematischen Kleinarbeit, des entscheidenden
Trumpfs der MLPD.
Bei den letzten Bundestagswahlen lag unser Aufbauschwerpunkt mehr
in der Ausweitung der Parteiarbeit auf neue Städte und
Regionen. Das ist damals gut gelungen. Diesmal werden wir den
Schwerpunkt auf die Stärkung unserer Parteiarbeit in den
wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Zentren legen. Wir
werden dabei noch mehr Gewicht auf die Methoden der nachhaltigen
Mitgliedergewinnung, der Festigung und Entwicklung neuer Mitglieder
in größere Verantwortung und der Einarbeitung unserer
Funktionäre in neue Funktionen legen. Wir haben zwischen dem
VII. und VIII. Parteitag mit 60 Prozent Neuaufnahmen die
große Attraktion der Partei auf die Massen erleben
können. Ein Teil dieser Neuaufnahmen ging allerdings wieder
verloren. Das hat - neben verschiedenen Faktoren, die
außerhalb unserer Einflussnahme liegen - auch die Ursache,
dass wir ihrer Betreuung und Ausbildung zu wenig Bedeutung
beimaßen.
Wir werden noch im September mit dem Kampf um unsere Wahlzulassung
beginnen, der Sammlung der notwendigen
Unterstützungsunterschriften usw. Dies soll hauptsächlich
im Rahmen der tagtäglichen Kleinarbeit stattfinden, in
Verbindung mit den verschiedensten Aufgaben im Klassenkampf und
Parteiaufbau. Wir werden auch wieder Wählerinitiativen
aufbauen, allerdings zunächst in einigen regionalen Zentren.
Die eigentliche Wahlkampagne wird dann im Sommer 2009 losgehen und
von einem offensiven Straßenwahlkampf geprägt sein.
Der Wahlkampf und vor allem seine Ergebnisse im Parteiaufbau werden
sicherlich ein Test werden, wie es der MLPD gelingt, im Linkstrend
die revolutionäre und sozialistische Richtung zu
stärken.
Rote Fahne: Wird die SPD ihre Krise überwinden?
Stefan Engel: Der "freie Fall" der SPD in den
letzten Monaten war für viele politische Beobachter
atemberaubend. In den Forsa-Meinungsumfragen lag sie zeitweise nur
noch bei 20 Prozent, im Saarland sogar hinter der Linkspartei.
Dass Kurt Beck als vierter Parteivorsitzender der SPD in nur
fünf Jahren so grandios scheiterte, wundert mich nicht. Er
versuchte einerseits, das soziale Image der SPD wieder
aufzupolieren, nahm dazu einige kleinere "Korrekturen" an der
Agenda 2010 vor - um gleichzeitig am Kern des volksfeindlichen
Agenda-2010-Kurses festzuhalten. Bereits Ende 2007 schlitterte die
SPD wieder in eine offene Parteienkrise, die mit der putschartigen
Ablösung Becks einen neuen Höhepunkt fand. Der Grund
für die Krise der Sozialdemokratie liegt weniger in den
falschen Personen an der Spitze der SPD, sondern in ihrer
volksfeindlichen Politik, die sie ihrer Massenbasis unter Arbeitern
einfach nicht mehr als sozial verkaufen kann. Solange sich hier
nichts ändert, wird die SPD auch nicht aus ihrem Schlamassel
heraus kommen.
Mit Steinmeier als Kanzleramtsminister unter Schröder wurde
nun der Architekt der Agenda 2010 als Kanzlerkandidat inthronisiert
und Müntefering als maßgeblicher Vollstrecker dieser
Politik in der SPD wieder an die Parteispitze geholt. Das ist mit
einem klaren Bekenntnis zur von Schröder eingeleiteten offen
volksfeindlichen Agenda-Politik verbunden. Der meiste Applaus
dafür kommt bislang bezeichnenderweise von den
Unternehmerverbänden.
Die Parteienkrise der SPD ist ein grundsätzliches Problem
für die Herrschaftsausübung der Diktatur der Monopole im
Rahmen der bürgerlichen Demokratie. Es ist die Hauptaufgabe
der Sozialdemokratie, die Arbeiterklasse an den Kapitalismus zu
binden. Mit dem "neuen" alten Kurs der SPD wird sich der
Loslösungsprozess von der Sozialdemokratie in der
Arbeiterklasse letztlich weiter verstärken.
Rote Fahne: Wie steht die MLPD zur Linkspartei?
Stefan Engel: Auf parlamentarischer Ebene ist
die Linkspartei zweifellos die derzeitige Hauptgewinnerin des
Linkstrends. Sie profitierte vor allem von der offenen
Parteienkrise der SPD und liegt in verschiedenen Umfragen derzeit
bei 15 Prozent. Das ist fast doppelt so viel wie noch bei den
Bundestagswahlen 2005. Oskar Lafontaine beschrieb als strategische
Position seiner Partei auf dem Cottbuser Parteitag im Mai 2008,
"die Demokratie zu retten" und "dem sich immer
schneller drehenden Rad des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus in
die Speichen zu greifen". Er will also gar nicht den
Kapitalismus abschaffen, sondern ihm allenfalls "in die
Speichen greifen", damit er nicht allzu rigoros rotiert. Durch
den Höhenflug in Wahlergebnissen sind allerdings verschiedene
führende Repräsentanten der Linkspartei schon von
Schwindel befallen und für manchen wird im Erfolgsrausch der
Drang nach Parlamentssitzen oder gar Regierungsmandaten
unwiderstehlich. So sind die offiziellen Parteideklarationen immer
mehr von dem Ziel geprägt, gemeinsam mit einer nach links
geläuterten SPD und den revitalisierten Grünen die
Regierungsgeschäfte der Diktatur der Monopole zu
übernehmen. Diese so genannte "strategische Option"
verstärkt gleichzeitig unübersehbar die Neigung der
entsprechenden Strategen der Linkspartei zu verschärftem
Antikommunismus in linkem Gewand. Das ist der Preis, um sich als
salonfähig - sprich regierungsfähig - zu erweisen.
Die forcierte Ausrichtung als Mehrheitsbeschafferin der SPD
verschärft allerdings die Widersprüche innerhalb der
Linkspartei, zumal sich ein großer Teil der Wähler der
Linkspartei eine linke Alternative zur SPD wünscht und nicht
eine Unterstützung der selben SPD von links. An vielen Orten
entfalten sich die innerparteilichen Konflikte, brechen Fraktionen,
Zerwürfnisse und fundamentale Widersprüche auf. Wir sehen
das auch mit Sorge, weil sich das auch gegen den Linkstrend
auswirken und engagierte Leute in die Resignation treiben kann.
Tragfähige Bündnisse sind unter solchen Umständen
nur schwer zu realisieren.
Auf unserem Parteitag wurde das Phänomen des Linkstrends als
Übergangserscheinung in der Entwicklung des
Klassenbewusstseins betrachtet, das nach einer Entscheidung
drängt. Dafür gibt es durchaus auch historische
Parallelen wie den Aufstieg und Fall der USPD nach dem I. Weltkrieg
in den 1920er Jahren. In ihr hatten sich die verschiedenen Kritiker
der SPD von Eduard Bernstein über Karl Kautsky bis Ernst
Thälmann zusammen gefunden. Sie erreichte bei den Wahlen
Anfang der 1920er Jahre 17 Prozent und 84 Mandate, die allerdings
alle bei den nächsten Wahlen wieder verloren gingen. Heute
müssen die Massen mit einer relativ tief verwurzelten
kleinbürgerlich-reformistischen und
kleinbürgerlich-parlamentarischen Denkweise fertig werden. Wir
müssen alle nur möglichen Bemühungen unternehmen, um
auf der Grundlage des Kampfes mit Mitgliedern und Anhängern
der Linkspartei gegen die Massenarbeitslosigkeit, imperialistische
Kriege, Neofaschismus, im Kampf um die Befreiung der Frau und
für den Sozialismus zusammen zu arbeiten und auf dieser
Grundlage unermüdliche Überzeugungsarbeit gegen die
linksreformistischen und neorevisionistischen Theorien leisten.
Rote Fahne: Mit der Reorganisierung in Landesverbände und Kreise im Vorfeld des VIII. Parteitags hatte sich die MLPD viel vorgenommen. Wie ist das Ergebnis zu beurteilen?
Stefan Engel: Der VIII. Parteitag wurde zum
Höhepunkt und relativen Abschluss der Reorganisierung in
sieben Landes- und der Gründung neuer Kreisverbände. Das
durchdrang sich mit der Selbstveränderung unserer Kleinarbeit,
um sie auf die bevorstehenden Aufgaben im Klassenkampf
einzustellen. Das alles hat viel Kraft gekostet. Aber dazu gab es
keine Alternative. Die Arbeit der MLPD ist vielfältiger und
komplexer geworden. Wir haben uns neue Aufgaben gestellt, aber auch
die Erwartungen der Massen an unsere Genossen sind gewachsen. So
wurde z.B. unsere umweltpolitische oder auch internationalistische
Kleinarbeit verstärkt. Wir haben uns in der Jugendarbeit viel
vorgenommen und unseren Einfluss in den Betrieben der
internationalen Übermonopole quantitativ und qualitativ
ausgebaut. Wir haben mit parlamentarischer Arbeit auf kommunaler
Ebene begonnen. Dieses entwickelte System der
marxistisch-leninistischen Kleinarbeit in über 400
Städten und Regionen konnte unmöglich im ganzen
Bundesgebiet weiter unmittelbar vom ZK angeleitet werden. Denn auch
die theoretischen und praktischen Aufgaben des ZK für die
Vorbereitung der internationalen Revolution haben sich
erweitert.
Es hat strategische Bedeutung, dass wir im föderalistisch
aufgebauten Deutschland Landesverbände und -leitungen haben,
in denen unsere Arbeit in den regionalen Zentren unmittelbar
geführt wird. Die Hauptaufgabe der Landesleitungen ist eine
differenzierte Anleitung und Kontrolle unserer Organisationsbasis.
Die sieben Landesverbände konnten direkt auf hohem Niveau
starten. So haben wir unsere Selbstverpflichtung wahr gemacht,
unsere Leute auszubilden, bevor sie neue Aufgaben übernehmen.
Dazu haben wir drei Dialektikkurse ausgearbeitet: "Die
Landesleitungsarbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise
erlernen". Daran nahmen hunderte Genossinnen und Genossen teil, die
nun neue Verantwortung übernehmen. Überall gab es eine
große Auswahl an Kandidaten für die demokratischen
Wahlen der Landesgremien. Insgesamt haben seit Frühjahr 2006
mehr als 50 Prozent unserer Genossinnen und Genossen neue Aufgaben
übernommen! Das neue System der Zwischenebenen und seine
Durchdringung mit dem ZK zielt in den nächsten Jahren auf die
Verwirklichung der neuen organisationspolitischen Leitlinie des
Kreisaufbaus auf breiter Front und der marxistisch-leninistischen
Jugendarbeit als Lebensschule der proletarischen Denkweise.
Rote Fahne: Was hat der Parteitag zur Lösung des Problems der Jugendarbeit diskutiert?
Stefan Engel: Der VIII. Parteitag stellte eine
Trendwende in der marxistisch-leninistischen Jugendarbeit fest. Der
wichtigste Erfolg dabei besteht sicherlich darin, dass sich unsere
Kinderorganisation, die Rotfüchse, wieder zu einer
quicklebendigen bundesweiten Organisation mit eigener Leitung
gemausert hat. An den Dialektik-Kursen zur
marxistisch-leninistischen Jugendarbeit nahmen bisher über 350
Genossen teil, was die Grundlage für diese positive
Entwicklung legte, uns aber auch auf die Tiefe des Problems
hinwies. Der Parteitag diskutierte, dass zur Lösung des
Problems in der Jugendarbeit eine ganze
Kritik-Selbstkritik-Kampagne notwendig ist. In der Partei ist -
auch unter dem Einfluss des Antiautoritarismus und der
bürgerlichen Sozialpädagogik - ein richtiger Wildwuchs
entstanden, bei dem unsere jugendpolitische Linie verdrängt
wurde. Um dies nachhaltig zu ändern, reichen einzelne gute
Ansätze oder auch hervorragende Initiativen nicht aus, die es
zweifellos die ganzen letzten Jahre immer wieder und überall
gab. Dafür ist eine ganze Periode der Selbstveränderung
der gesamten Partei, des Jugendverbands REBELL und der
Rotfüchse notwendig.
Wir haben es bei diesem Problem nicht einfach mit innerparteilichen
Fragen zu tun. Die Frage der Jugend ist ein fundamentales
gesellschaftliches Problem. Die Destruktivkräfte des
Imperialismus konzentrieren sich bei der Jugend: in Kinderarmut,
Perspektivlosigkeit, ätzender Jugendkultur, der Jugend als
Kanonenfutter oder auch zerstörerischen Massenerkrankungen wie
ADHS schon im Kindesalter. Zugleich sucht die Jugend am
intensivsten nach einer sozialistischen Perspektive. An der
Stellung zu diesem gesellschaftlichen Problem zeigt sich die
Stellung zur Zukunft, zu den strategischen Fragen des
Klassenkampfes. Deshalb ist die Selbstveränderung der
Jugendarbeit die Schlüsselfrage der zukunftsweisenden
Selbstveränderung der gesamten Parteiarbeit!
Die marxistisch-leninistische Jugendarbeit muss eine Lebensschule
der proletarischen Denkweise unter der Masse der Jugend
verwirklichen und ihr helfen, mit der
kleinbürgerlich-antiautoritären Denkweise, vor allem
einer verbreiteten Organisationsfeindlichkeit, fertig zu werden.
Die Jugendlichen müssen selbständig werden. Sie sollen
Respekt vor der körperlichen Arbeit haben und Weltoffenheit
lernen, Kämpfer und Marxisten-Leninisten werden usw. Sie
sollen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, was der
Grundansatz in der selbständigen Verantwortung des REBELL
für die Kinder- bzw. Rotfuchsarbeit ist. Wichtig ist auch,
dass die Jugendlichen einen gleichberechtigten und offenen Umgang
unter Mädchen und Jungen lernen, gegen den ätzenden
Sexismus, wie er in dieser kapitalistischen Gesellschaft weit
verbreitet ist. Mit einem erfüllten Lebensinhalt und dem
nötigen Selbstbewusstsein werden sie auch nicht anfällig
für Drogen und Alkoholismus sein.
Der künftige Parteiaufbau steht und fällt damit, dass der
REBELL wieder zum Hauptreservoir für die Mitgliedergewinnung
der MLPD wird.
Rote Fahne: Es gab 2005 erstmals einen außerordentlichen Parteitag der MLPD wegen ernsthafter Probleme in der Zentralen Kontrollkommission (ZKK). Wie hat sich die ZKK seither entwickelt?
Stefan Engel: Das war tatsächlich eine sehr einschneidende Auseinandersetzung! Die Zentrale Kontrollkommission ist immerhin eine wesentliche Schlussfolgerung der MLPD als Partei neuen Typs. Die revisionistische Entartung und die Zerstörung des Sozialismus in der Sowjetunion seit Mitte der 1950er Jahre gingen von der Führung aus. Deshalb muss neben einer funktionierenden Kontrolle von unten und der Selbstkontrolle jedes Einzelnen ein Gremium existieren, welches das ZK und insbesondere die Denkweise der führenden Funktionäre der Partei unabhängig kontrolliert. Die Notwendigkeit zu einem außerordentlichen Parteitag war entstanden, weil ausgerechnet dieses Gremium, das ein wesentlicher Damm gegen das Vordringen der kleinbürgerlichen Denkweise sein muss, selbst zum Ausgangspunkt negativer Entwicklungen wurde. Es kam zum Verlust der Unabhängigkeit der ZKK in Form von Verstößen gegen die Richtlinien der Kontrollkommissionen. Diese äußerten sich in herzloser Kaderbehandlung oder auch vereinzelten, aber schwer wiegenden ungerechtfertigten bürokratisch-administrativen Maßnahmen. Es ist eine herausragende Errungenschaft der MLPD, solche Fehlentwicklungen schonungslos aufzuklären, aufzuarbeiten und demokratisch in der Mitgliedschaft zu diskutieren. Gleichzeitig werden dafür verantwortliche Genossen nicht vorschnell aufgegeben und ihnen nicht das Vertrauen entzogen, solange noch eine Klärung möglich ist. So ist es gelungen, ausgehend vom außerordentlichen Parteitag und der dortigen Neuwahl der ZKK eine Überwindung der Krise in ihrer Tätigkeit und einen Neuanfang zu erreichen. In der gesamten Mitgliedschaft wuchs eine tiefe Sensibilisierung über die Bedeutung des Systems der Selbstkontrolle. Der VIII. Parteitag würdigte die freimütige selbstkritische Offenlegung ihrer groben Fehler durch die ZKK und ihre große Bereitschaft zur Selbstveränderung, damit diese Erscheinungen einer kleinbürgerlich-bürokratischen Kontrolle und Selbstkontrolle nicht mehr vorkommen. All das wurde im Bericht der ZKK, die nur gegenüber dem Parteitag rechenschaftspflichtig ist, umfassend aufgearbeitet, der Bericht einstimmig angenommen und eine gestärkte ZKK gewählt. Der Parteitag gab zugleich den Auftrag, dass die Genossen der ZKK weiter hart an der tatsächlichen Verwirklichung ihrer unabhängigen Kontrolle arbeiten müssen. Das ist vor allem eine hohe Herausforderung an den proletarischen Ehrgeiz zur ideologisch-politischen Initiative sowie zur Beherrschung der dialektischen Methode auf dem Niveau der Lehre von der Denkweise. Jede Passivität oder Labilität in der Unabhängigkeit bringt einen kleinbürgerlichen Einfluss zum Ausdruck, d.h. eine unzureichende Fähigkeit, in jeder Situation mit der kleinbürgerlichen Denkweise fertig zu werden. Ebenso wie das allseitig funktionierende System der Selbstkontrolle der Partei das Geheimnis des begeisternden und erfolgreichen Parteitags war, ist es der Schlüssel, um mit allen Einflüssen der kleinbürgerlichen Denkweise auf dem Weg zur Partei der Massen fertig zu werden.
Rote Fahne: Hat die Auseinandersetzung mit der ZKK die Partei nicht zurück geworfen?
Stefan Engel: Im Endergebnis nicht. Natürlich waren die prinzipiellen Verstöße gegen die Richtlinien der Kontrollkommissionen und das Vordringen von Erscheinungsformen einer kleinbürgerlich-bürokratischen Kontrolle und Selbstkontrolle der ZKK ein ernstes Problem mit schwerwiegenden Fehlern und Folgen, deren Aufarbeitung uns zeitweilig stark in Anspruch nahm. In der Aufarbeitung dieses Problems ist es der Partei allerdings gelungen, das System der Selbstkontrolle der Partei tiefgehend zu begreifen, höher zu entwickeln und zur Entfaltung zu bringen. Dieses System der Selbstkontrolle der Partei ist eine entscheidende Schlussfolgerung aus der revisionistischen Entartung der alten kommunistischen Bewegung, bei der führende Kader der Partei- und Wirtschaftsführung der ehemals sozialistischen Länder von der kleinbürgerlichen Denkweise erfasst wurden und sich zu einer neuen herrschenden Klasse entwickelt hatten. Um dieser Entwicklung vorzubeugen, muss die marxistisch-leninistische Partei Wege finden, das rechtzeitig zu erkennen, solche Entwicklungen aufzuhalten und zu korrigieren. Als solches Instrumentarium hat sich das System der Selbstkontrolle der Partei erwiesen. Es war das Meisterstück in der Einführung der neuen Grundlage des Parteiaufbaus und man kann zusammen mit der erfolgreichen Auseinandersetzung um die ZKK sagen, dass damit auch der Übergang zur neuen Grundlage des Parteiaufbaus vollendet ist.
Rote Fahne: Was bedeutet das eigentlich, Übergang zur neuen Grundlage des Parteiaufbaus?
Stefan Engel: Die neue Grundlage bedeutet, dass
die Partei zu jeder Zeit gewährleisten muss, dass ihre
führenden Kader nicht aus kleinbürgerlich-egoistischen
oder individualistischen Motiven heraus ihre Tätigkeit
ausüben, sondern selbstlos im Sinne des Befreiungskampfes von
Ausbeutung und Unterdrückung. Dazu gehört, dass sie eine
dialektisch-materialistische Denk- und Arbeitsweise zur Herstellung
der Einheit von Theorie und Praxis verwirklichen, um Fehler zu
vermeiden und durch die ganze Art ihres Denkens, Fühlens und
Handelns der Partei eine proletarische Prägung verleihen. Die
Partei hat sich dazu bestimmte Methoden erkämpft: die konkrete
Analyse des Kampfs zwischen proletarischer und
kleinbürgerlicher Denkweise unter den Massen und in der
Partei; die Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise der
Massen und in der internationalen marxistisch-leninistischen und
Arbeiterbewegung; eine proletarische Streitkultur zur richtigen
Behandlung der Widersprüche zwischen Partei und Massen.
Mit der neuen Grundlage des Parteiaufbaus können nicht alle
Probleme gelöst sein, da die kleinbürgerliche Denkweise
aufgrund der vorherrschenden bürgerlichen Ideologie in der
kapitalistischen Gesellschaft immer wieder in die Partei eindringen
und sich dort ausbreiten kann. Auch kann die neue Grundlage nicht
das Gesetz des Vordringens der kleinbürgerlichen Denkweise und
das Gesetz des Kampfs zweier Linien außer Kraft setzen. Aber
wir haben mit dem System der Selbstkontrolle innerhalb der Partei
eine überlegene Methode, sozusagen eine stärkere Kraft
entwickelt, um mit diesen Gesetzmäßigkeiten fertig zu
werden und den proletarischen Charakter der Partei zu verteidigen,
zu festigen und Fehler zu vermeiden.
Rote Fahne: Auf dem Parteitag waren offensichtlich auch viele internationale Gäste?
Stefan Engel: Es war uns eine besondere Ehre
auf unserem Parteitag, zehn Delegationen der internationalen
marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung aus vier
Kontinenten begrüßen zu können. Insgesamt hat die
MLPD 50 internationale Grußadressen aus aller Welt zu ihrem
Parteitag erhalten. Das zeigt, dass der Hamburger Parteitag unter
einer großen Anteilnahme der internationalen
marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung stattfand.
Die internationalen Gäste verfolgten nicht nur den Parteitag,
sondern brachten sich auch aktiv und konstruktiv in die Beratungen
ein, so dass ein gegenseitiger Lernprozess stattfand, der den
Parteitag enorm bereicherte.
Auf diese Weise bekam der Parteitag eine besondere
proletarisch-internationalistische Prägung, von der eine
große Begeisterung ausging. Die Stärkung des
gegenseitigen Verständnisses und des
Vertrauensverhältnisses wird sich sicherlich positiv auf die
Entwicklung der Zusammenarbeit der internationalen
marxistisch-leninistischen und revolutionären Organisationen
zur Koordinierung und Revolutionierung der Kämpfe
auswirken.
Inzwischen haben sich 27 Organisationen aus aller Welt der
Initiative der revolutionären Parteien und Organisationen zur
Koordinierung ihrer Arbeit in Klassenkampf und Parteiaufbau (ICOR)
angeschlossen. Hier entsteht ein wichtiges neues Projekt der
gleichberechtigten praktischen Zusammenarbeit zur Vorbereitung der
internationalen Revolution.
Wir brauchen ein sehr differenziertes System der internationalen
Koordinierung, das der Tatsache recht unterschiedlicher Parteien
mit unterschiedlichen strategischen Aufgaben und einem
unterschiedlichen Entwicklungsstand im revolutionären
Klassenkampf gerecht wird.
Die internationalistische Arbeit wird einen größeren
Stellenwert in der Arbeit der Partei und des neuen Zentralkomitees
bekommen.
Sie ist auch eine entscheidende Grundlage für die weitere
Ausarbeitung des REVOLUTIONÄREN WEG 32-34. Die Strategie und
Taktik der internationalen Revolution kann nicht aus
bürgerlicher und kleinbürgerlicher Literatur abgeleitet
werden. Sie entsteht aus dem sorgfältigen Studium und der
theoretischen Verarbeitung der lebendigen Realität der
Internationalisierung des Klassenkampfes und der weltweiten
Erfahrungen im marxistisch-leninistischen Parteiaufbau.
Rote Fahne: Darf man dem alten Parteivorsitzenden zu seiner Wiederwahl gratulieren?
Stefan Engel: Die Wahlen der zentralen Gremien
bildeten einen wichtigen Höhepunkt des VIII. Parteitags. Noch
nie hatte die Partei - trotz der kurz zuvor durchgeführten
Wahlen der neuen Landesgremien - ein so großes Kaderaufgebot
geeigneter Genossinnen und Genossen für die verschiedenen
zentralen Gremien, so dass es den Delegierten sehr schwer fiel,
eine Auswahl zu treffen. Im Ergebnis haben die Delegierten einen
Schwerpunkt gelegt auf die Verbindung von Kontinuität in der
Leitungstätigkeit des Zentralkomitees mit neuen Genossen, die
die fortgeschrittenste Arbeit der Partei repräsentieren. Mit
überwältigender Zustimmung wurde gerade den
führenden Genossen des bisherigen Zentralkomitees das
Vertrauen geschenkt. In diesem Zusammenhang steht auch meine
Wiederwahl. Dass diese Wiederwahl in geheimer Abstimmung einstimmig
ausfiel, ist vor allem Ausdruck der großen Zustimmung,
Verbundenheit, aber auch Solidarität der Partei mit meiner
Leitungstätigkeit und der des bisherigen Zentralkomitees -
gerade auch angesichts der schäbigen Verleumdungskampagnen,
die in den letzten Jahren insbesondere gegen führende Genossen
des Zentralkomitees über Internetkampagnen,
Verfassungsschutzberichte usw. gestartet wurden. Die ganze Wahl
zeigt eine große Vereinheitlichung zwischen dem
Zentralkomitee und der Basis.
So wurde ein starkes Kollektiv gewählt, das in den
nächsten Jahren den Parteitag vertritt und die Partei
führen soll. Inzwischen hat auch das erste konstituierende
Plenum des VIII. Zentralkomitees stattgefunden, wo ich zum
Vorsitzenden der Partei und Monika Gärtner-Engel zur
stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt wurden. Beide
Male erfolgte die Wahl geheim und einstimmig. Ich möchte mich
an dieser Stelle besonders für das große Vertrauen der
Partei und des Zentralkomitees in die politische Führung des
ZK bedanken, das eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche
Bewältigung der künftigen Aufgaben sein wird. Der Blick
auf die Intrigen und die Missgunst in den bürgerlichen
Parteien genügt, um den grundlegenden Unterschied zur MLPD zu
begreifen.
Der Parteitag beauftragte das ZK, seine Anstrengungen zur
Koordinierung und Revolutionierung der internationalen
marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung zu verstärken
und der theoretischen Arbeit besonderes Gewicht zu geben. Diese
Aufgabenstellung wurde von dem konstituierenden Plenum des ZK in
einer neuen Leitungsstruktur in Angriff genommen und umgesetzt. In
den nächsten Monaten kommt es vor allem darauf an, dass das
Zentralkomitee seine wissenschaftliche Arbeitsorganisation auf die
enge Durchdringung der ZK-Leitungstätigkeit mit der
Tätigkeit der neuen Zwischenebenen umstellt. Diese
Zusammenarbeit wird in der neuen Offensive für den echten
Sozialismus eine erste Bewährungsprobe bestehen
müssen.
Rote Fahne: Die "Rote Fahne" hat schon ausführlich über das 3. Internationale Bergarbeiterseminar Ende August in Gelsenkirchen berichtet. Wie beurteilt ihr es im Lichte des VIII. Parteitags?
Stefan Engel: Das 3. Internationale
Bergarbeiterseminar wurde von der überparteilichen
Bergarbeiterbewegung "Kumpel für AUF" organisiert und ist
äußerst erfolgreich verlaufen. Das drückt sich
unter anderem darin aus, dass der Vorschlag einstimmig angenommen
wurde, dass die Zusammentreffen künftig nicht mehr als
Bergarbeiterseminar, sondern als "internationale
Bergarbeiterkonferenz" durchgeführt werden. Es
kam zu einer sehr organischen natürlichen Durchdringung
klassenkämpferischer Bergarbeiter über Ländergrenzen
hinweg mit den revolutionären Positionen der
Marxisten-Leninisten.
Mit bis zu 700 Teilnehmern alleine bei dem Seminar übertraf es
bei weitem die ursprünglichen Erwartungen. Wenn man die
zusätzlichen Besucher der anderen Programmteile dazu
zählt, waren es 900 bis 1.000 Teilnehmer. Viele kamen, weil
sie die Bergarbeiterbewegung unterstützen wollten. Manche
kamen auch aus anderen Branchen, weil sie von der
länderübergreifenden Koordinierung und Revolutionierung
lernen wollten, die im Bergbau relativ fortgeschritten ist.
Mit 14 internationalen Delegationen, darunter Arbeiterdelegationen
mit Streikführern wichtiger Bergarbeiterkämpfe, hatte es
einen wirklich internationalistischen Charakter. In den
Bergbaustädten war das Seminar in einer breiten
Öffentlichkeit verankert und hatte eine Massendiskussion und
-sympathie entfaltet. So viele Bergleute wie nie zuvor und ihre
Familien unterstützten auf verschiedene Weise das
Zustandekommen des Programms und es sind viele neue organisierte
Verbindungen zu aktiven Bergleuten entstanden.
Die Reformisten aus der IGBCE-Führung reagierten
äußerst empfindlich. Sie wirkten auf verschiedene
Gewerkschaften im Ausland ein, um zu verhindern, dass aus ihren
Ländern Delegationen am 3. Internationalen Bergarbeiterseminar
teilnehmen. So gab es einzelne Absagen, die eindeutig vor diesem
Hintergrund stattfanden. Das zeigt nur, wie sehr die Herrschenden
die ersten Versuche dieser Koordinierung fürchten. Vor allem
wollen sie verhindern, dass ihre Basis für die
Klassenzusammenarbeitspolitik ernsthaften Schaden erleidet, was in
Verbindung mit den krisenhaften Erscheinungen der Sozialdemokratie
für sie umso brisanter ist. Bezeichnend ist jedoch, dass sie
die offene Auseinandersetzung scheuen wie der Teufel das Weihwasser
und in der Flucht in Intrige und Verleumdung ihre Ziele
durchzusetzen versuchen.
Bei der beeindruckenden Veranstaltungsserie fanden das ganze Leben,
die politischen Hintergründe und auch die kulturellen
Interessen der Massen Berücksichtigung. Ohne das
Rahmenprogramm, die Empfänge und die Besuche in den
verschiedenen Museen und Zechensiedlungen und nicht zuletzt ohne
das hervorragende Bergarbeitertheater hätte das Internationale
Bergarbeiterseminar nicht eine solche Attraktion, eine solche
Ausstrahlung entwickeln können.
Es war auch eine Schule des Zusammenwirkens von Parteiaufbau und
Förderung der Selbstorganisation der Massen, indem z.B.
systematisch unter den Kumpels für die Mitgliedschaft in
Solidarität International geworben wurde, aber auch
Solidarität International seinerseits eine hervorragende
Unterstützung des Seminars leistete. Sehr bedeutend war auch,
dass es gelungen ist, die große Bedeutung der
kämpferischen Frauenbewegung und ihre Wechselbeziehung zum
proletarischen Klassenkampf herauszustellen. So fand im Anschluss
auch ein Treffen von 53 Frauen rund um den Bergbau statt und sie
vereinbarten, auf dem Frauenpolitischen Ratschlag die Beratungen
weiterzuführen.
Rote Fahne: Ein Highlight der internationalen Bewegung wird der Frauenpolitische Ratschlag Anfang Oktober in Düsseldorf sein. Welchen Stellenwert hat der VIII. Parteitag der Frauenarbeit beigemessen?
Stefan Engel: Der VIII. Parteitag musste Bilanz
ziehen über den unmissverständlichen Auftrag des letzten
Parteitags, eine Stagnation in der Frauenarbeit sowie einen
Rückgang des Frauenanteils in der Mitgliedschaft zu
überwinden. Das ist unzweifelhaft gelungen! Inzwischen hat
sich die MLPD mit ihrem Frauenanteil von 43 Prozent wieder Platz
eins in der bundesdeutschen Parteienlandschaft erobert. Die MLPD
arbeitet ebenso kontinuierlich an der Frauenförderung in der
Partei wie an der Förderung der kämpferischen
Frauenbewegung in Deutschland und international. Kritisch wurde ein
immer noch vorhandenes Defizit aufs Korn genommen, tatsächlich
eine Masse von Frauen für die organisierte Arbeit zu gewinnen.
Dabei verschärft die wirtschaftliche und politische
Entwicklung die doppelte Ausbeutung und Unterdrückung der
Masse der Frauen! 71 Prozent der so genannten "atypisch
Beschäftigten" - Minijobs, Leiharbeit, befristete und
Teilzeitstellen unter 20 Stunden und meist im Niedriglohnbereich -
sind Frauen! Das Selbstbewusstsein gerade der jungen Frauen und
Mädchen wird durch den grassierenden Sexismus attackiert. Der
Frauenpolitische Ratschlag, der vom 3. bis 5. Oktober in
Düsseldorf stattfindet, ist ebenso wie der
Vorbereitungsprozess zu einer Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen
2011 in Venezuela eine hervorragende Plattform für die
Entwicklung zu einer tatsächlichen Frauenmassenbewegung. Diese
Initiativen kommen genau richtig in einer Situation, in der die
Frauen einen immer bedeutenderen Anteil des internationalen
Industrieproletariats und der kämpferischen Massenbewegungen
ausmachen. Die Krise der bürgerlichen Familienordnung in den
imperialistischen Ländern wächst sich bei einer
wachsenden Masse, die in Armut lebt, regelrecht zur
Familienlosigkeit aus. In dieser Situation, die nach einer
kämpferischen Frauenbewegung schreit, haben sich die
kleinbürgerlichen Feministinnen in der internationalen
Frauenbewegung in vielen Nichtregierungsorganisationen als
Handlanger der Imperialisten entlarvt und im erfolglosen Lobbying
gegenüber UNO, Weltbank und IWF erschöpft. Der Gedanke
einer Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen hat gerade auf diesem
Hintergrund bereits eine erfolgreiche Reise um die Welt
angetreten.
Der entscheidende Prüfstein für die
marxistisch-leninistische Überzeugungsarbeit ist ihr Beitrag
zu einer kämpferischen Frauenmassenbewegung im eigenen Land,
die lernt, den Kampf um die weltweite Befreiung der Frau als Teil
der Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution zu
führen. Im Endspurt der Vorbereitung des 8. Frauenpolitischen
Ratschlags engagiert sich die MLPD entschieden für ein
großartiges Gelingen ebenso wie für das dauerhafte
Resultat einer gestärkten kämpferischen
Frauenbewegung.
Rote Fahne: Welche Aufgaben stehen vor der MLPD?
Stefan Engel: Zunächst ist es wichtig,
dass die ganze Partei sich die Ergebnisse des Hamburger Parteitags
gründlich aneignet und systematisch und schöpferisch
umsetzt. Dazu stehen als erstes die Berichterstattung und das
konzentrierte Studium und die Diskussion der Ergebnisse im Zentrum.
Die Hauptgefahr besteht gegenwärtig in einer
Geringschätzung des VIII. Parteitags und seiner
Beschlüsse.
Zur Verankerung der Parteitagsergebnisse werden wir von Ende
Oktober bis Anfang November sieben regionale Veranstaltungen "90
Jahre Novemberrevolution und der Hamburger Parteitag der MLPD" in
unseren neuen Landesverbänden durchführen. Die
Novemberrevolution 1918 scheiterte vor allem am Fehlen einer
kampferfahrenen, gestählten, massenverbundenen
revolutionären Partei, die mit einer wissenschaftlich
fundierten Strategie und Taktik gewappnet ist. Das erleichterte es
den reaktionären Führern der Sozialdemokratie, die
proletarische Revolution zu verraten, auf den Weg der
bürgerlichen Nationalversammlung und in die Niederlage zu
lenken. Das Scheitern der Novemberrevolution stoppte den Prozess
der internationalen Revolution, der mit der Oktoberrevolution in
Russland eingeleitet war. Die Arbeiterbewegung muss die Erfahrungen
der Novemberrevolution studieren und ihre Konsequenzen ziehen. Es
war für die MLPD von Beginn an Ansporn, mit ihren
Anstrengungen des Parteiaufbaus niemals nachzulassen.
Nach der Schaffung der notwendigen inneren Voraussetzungen
müssen wir der Entwicklung zur Partei der
Massen größte Aufmerksamkeit schenken. Sie ist
vor allem das Ergebnis der allseitigen Wechselbeziehung einer
ideologisch-politisch gefestigten und organisatorisch starken
Partei mit starken Selbstorganisationen der Massen.
Wir werden dann im November/Dezember den Schwerpunkt unserer Arbeit
auf die Förderung des aktiven Widerstands gegen die globale
Klimakatastrophe legen. Immer deutlicher wird, welch dramatische
Folgen der begonnene Umschlag in die globale Umweltkatastrophe hat.
Die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen werden bereits
zerstört, wie das bei den Wirbelstürmen in der Karibik
und den Überschwemmungen in Indien deutlich wird. Die
Merkel-Regierung gibt sich international als Vorreiterin für
den Klimaschutz. In Wirklichkeit sollen unter der Flagge des
"Umweltschutzes" massiv die Interessen des deutschen Imperialismus
durchgesetzt werden. Das ist imperialistischer
Ökologismus und kein Umweltschutz! Der aktive
Widerstand zur Rettung der Umwelt vor der Profitgier ist für
die Menschheit eine Überlebensfrage. Wir werden in diesem
Zeitraum unsere umweltpolitische Arbeit weiter beleben, unsere
umweltpolitische Linie breit bekannt machen und
Umweltbündnisse fördern, die sich am weltweiten
Klima-Aktionstag am 8. Dezember beteiligen. Wir wollen auch unsere
internationalen Kontakte nutzen, um die weltweite Koordinierung
dieses Kampfs voran zu bringen.
Das Scheitern der alten Umweltbewegung unter Führung der
Grünen jedenfalls lehrt, dass die von den Grünen
geprägte Feindschaft gegenüber der Arbeiterbewegung und
ihr Antikommunismus in die Sackgasse führen. Es sind die
Arbeiter, die als Träger der fortgeschrittensten
Produktivkräfte und damit auch der Möglichkeiten zur
Lösung der Umweltfragen an der Spitze dieser Bewegung stehen
müssen und werden.
Wir werden neue Parteigruppen gründen, die in der Umweltarbeit
ihren Schwerpunkt haben. Die Umweltfrage ist untrennbarer
Bestandteil des Kampfs um die Lebensinteressen der Massen und der
Arbeiterbewegung und somit auch Bestandteil jeder Kleinarbeit der
MLPD in den Wohngebieten und an der Hauptkampflinie in Betrieb und
Gewerkschaft. Große Bedeutung messen wir auch dem
Umweltratschlag im Juni 2009 bei, zu dem die "Bürgerbewegung
für Kryo-Recycling und Kreislaufwirtschaft" die Initiative
ergriffen hat. Wir erwarten uns von dort auch neue Impulse für
den Aufbau der kämpferischen Umweltbewegung und wir werden
diesen Prozess nach Kräften unterstützen. Die
kämpferische Umweltbewegung braucht dringend entsprechende
Organisationsformen, mit denen sie die nötige
Durchschlagskraft entwickeln kann.
Ab Mitte Dezember werden wir uns auf die allseitige Stärkung
der MLPD konzentrieren und Parteiwerbewochen durchführen. Ein
Bestandteil davon ist, dass wir besonders auch unter der Jugend zu
der größten Demonstration für den Sozialismus in
Europa, den Aktivitäten zum Gedenken an die Ermordung von Karl
Liebknecht und Rosa Luxemburg am 11. Januar in Berlin mobilisieren.
Anfang des Jahres werden auch die Gruppenmitgliederversammlungen
und die Orts- und Kreisdelegiertentage der MLPD stattfinden, auf
denen die Arbeit im Lichte der Parteitagsergebnisse ausgewertet und
die neue taktische Offensive für den echten Sozialismus im
Jahr 2009 konzipiert und geplant wird.
Ab dem Frühjahr bis zum Frühsommer 2009 wollen wir den
Schwerpunkt auf die Vorbereitung und Durchführung des
Pfingstjugendtreffens legen in Verbindung mit dem Ausbau des
Systems der marxistisch-leninistischen Jugendarbeit als
Lebensschule der proletarischen Denkweise. Ich verspreche mir, dass
von dem internationalen Pfingstjugendtreffen 2009 ein bundesweiter
Impuls für die organisierte Rebellion der Jugend und der
Kinder ausgeht.
Ab dem Sommer 2009 rückt dann die Offensive für den
echten Sozialismus in Verbindung mit der Teilnahme an den
Bundestagswahlen ins Zentrum. Die allseitige Wahlkampfvorbereitung
und der Aufbau einer breiten Wahlhelferbewegung soll im September
in einer schlagkräftigen vierwöchigen Wahlkampagne
münden.
Rote Fahne: Viel Erfolg und vielen Dank für das Interview!

