Stefan Engel: Rede bei der Übergabe des Parteivorsitzes am 8. April 2017

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Mitstreiter und auch liebe Verwandte! Ich wurde oft gefragt, ob mir dieser Schritt schwer fällt und ob ich vielleicht auch traurig bin. Nein, überhaupt nicht! Ich bin stolz darauf, am 31.03.2017, nach 37 Jahren und drei Monaten, meine Funktion als Parteivorsitzender der MLPD an Gabi Gärtner übergeben zu haben. (Die Rede ist auch in englisch und französisch verfügbar.)
The speech in English
Le discours en Français

Das war in gewisser Weise ein Höhepunkt meiner bisherigen politischen Arbeit und meiner Leitungstätigkeit.

Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, dass mein Lebensweg durch einen lange Zeit vorbereiteten und auf guter Grundlage durchgeführten Generationswechsel nun mit großem Ernst und sogar einer gewissen Begeisterung weiter verfolgt und vollendet wird.

 

Der Grund für diese Übergabe ist nicht, dass ich absolut leistungsunfähig wäre!

 

Bei aller gesundheitlichen Beeinträchtigung werde ich auch künftig meine Aufgaben in der Partei wahrnehmen.

 

So hat das Zentralkomitee beschlossen, dass ich in Zukunft die Leitung der Redaktion des theoretischen Organ Revolutionärer Weg“ weiter behalte.

 

Ich werde auch die neue Führung begleiten, ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Eine Zeit lang werde ich noch in begrenztem Umfang den Übergang mit organisieren und im Sekretariat des ZK mitarbeiten.

 

Auf keinen Fall aber werde ich eine graue Eminenz im Hintergrund sein,

die in Wirklichkeit die Fäden zieht.

 

Gabi Gärtner ist die neue Parteivorsitzende, ohne jede Einschränkung und

mit vollem Recht vom Zentralkomitee einstimmig gewählt worden.

 

Es ist das erste Mal in Deutschland, dass an der Spitze der revolutionären Arbeiterpartei eine Frau und eine Arbeiterin steht. Darauf sind wir besonders stolz!

 

Die Zeit für den Generationswechsel an der Spitze der MLPD war aus verschiedenen Gründen reif.

 

Politisch erwarten uns mit der Regierungsübernahme von Trump, die ein Ausdruck der allgemeinen Krisenhaftigkeit dieses kapitalistischen Systems ist, als neuer Präsident des mächtigsten imperialistischen Landes und mit dem weltweiten fortschrittlichen Stimmungsumschwung weitreichende Veränderungen auf der Welt.

 

In diese sich anbahnende komplizierte Situation

muss sich und kann sich die neue Parteiführung hinein arbeiten.

 

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, einige vielleicht nützliche Hinweise

aus der Bilanz meiner eigenen Leitungstätigkeit zu geben.

 

Erstens: 1979 wurde ich mit 25 Jahren als damals Jüngster in der Zentralen Leitung politischer Leiter.

 

Die sogenannte „marxistisch-leninistische Bewegung“ in Deutschland war am Ende. Die großen ml-Organisationen lösten sich auf, spalteten sich bzw. gingen zu den Trotzkisten über, zu den Grünen usw. Weltpolitisch hatte China nach dem Tod von Mao Zedong die Farbe gewechselt.

 

Kurz darauf begann Enver Hoxha aus Albanien, die Mao Zedong-Ideen und wesentliche sozialistische Errungenschaften anzugreifen.

 

Ein internationales Liquidatorentum marginalisierte viele hoffnungsvolle Ansätze des Neuaufbaus revolutionärer Arbeiterparteien auf der ganzen Welt oder zerstörte sie vollends.

 

Auch in unserer Organisation gab es viele ungelöste Probleme,

aber sie war ideologisch-politisch klar und in ihrem Kern gesund.

 

Es war eine schwierige Situation.

 

Mir war am Anfang ein bisschen mulmig zu Mute.

 

Ich kannte die Partei noch nicht gut, denn ich kam aus dem Jugendverband und war auch nicht unbedingt erfahren in der Leitungstätigkeit.

 

 

Aber ich sagte mir: „Das muss jetzt in dieser Situation einfach sein.“

 

Ich fand es auch richtig, dass man einen Arbeiter an die Spitze wählt.

 

Ich konnte der Partei führend helfen, 1982 die Gründung der Partei als MLPD vorzubereiten weil ich in meiner ganzen Zeit als Parteivorsitzender die feste und unerschütterliche Überzeugung hatte, dass der Weg des revolutionären Parteiaufbaus und des Kampfs um den Sozialismus der einzig richtige ist.

 

Mein eiserner Wille hat mich niemals schwanken lassen.

 

Als ich 14 Jahre alt war, überzeugten mich mein Bruder Reinhard und

mein Cousin Ulrich sowie der heute noch aktive Genosse Hartmut Langbein,

mich einer revolutionären Jugendgruppe in Neustadt bei Coburg anzuschließen.

 

Meine kommunistische 88-jährige Urgroßmutter hatte schon immer eine

große Freude an meinem rebellischen Geist und unterstützte diese Entscheidung.

 

Aber sie ermahnte mich zugleich, mein Leben zu verändern.

 

Bisher hatte ich

- außer ein oder zwei Kinderbücher -

noch kein einziges Buch gelesen,

war nicht sehr aufmerksam in der Schule und

verbrachte meine Zeit meistens mit Freunden im Wald oder

auf dem Sportplatz.

 

Meine Urgroßmutter war eine unbeugsame Revolutionärin,

die seit 1895 in der revolutionären SPD war, 1916 mit der SPD brach,

sich dem Spartakusbund um Karl Liebknecht in Berlin und

später der KPD anschloss.

 

Sie war 11 Jahre im Hitlerfaschismus in der Illegalität tätig, bevor sie nach Neustadt/bei Coburg umgesiedelt wurde.

 

Sie war trotz ihres hohen Alters ideologisch-politisch klar an den Mao Zedong-Ideen ausgerichtet, ohne irgendwo organisiert zu sein.

 

Wichtig war: Sie gab mir damals ein Buch und sagte: „Jetzt fängst du mal mit diesem Buch an.“

 

Und das Buch hieß Wie der Stahl gehärtet wurde“, von Nikolai Ostrovsky.

 

Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen und

mich hatte insbesondere Pawel Kortschagins Leitlinie

in seinem jungen Leben begeistert:

 

Das Kostbarste, das der Mensch besitzt,

ist das Leben.

Es wird ihm nur einmal gegeben,

und leben soll er so,

dass er im Sterben sagen kann:

 

Mein ganzes Leben und all meine Kräfte

habe ich hingegeben,

für das Schönste der Welt -

den Kampf um die Befreiung der Menschheit.“

 

Meine Quintessenz aus diesem Buch war, dass ich nunmehr Berufsrevolutionär werden wollte und diesen Lebensweg habe ich nie mehr verlassen.

 

 

Zweitens verschaffte ich mir immer ein nüchternes Bild über meine eigenen Stärken und Schwächen.

 

Mir war klar, ich habe nicht die Kompetenz, all die Aufgaben der Parteiführung schon bewältigen zu können.

 

Um dieses Problem zu lösen, habe ich auf die kollektive Weisheit meiner Genossen gesetzt.

 

Das ist der entscheidende Weg, Schwächen zu überwinden.

 

 

Ich suchte immer die Zusammenarbeit mit Genossinnen und Genossen, die mehr Ahnung hatten von dieser oder jener Aufgabe.

 

Ich habe nie gesagt: „Ich kann alles“, sondern „ich muss alles lernen.“

 

Ich war auch immer ein Teamworker und machte mir stets die Kenntnisse und Erfahrungen meiner Genossen auf den verschiedensten Gebieten zu eigen.

 

In den Anfangsjahren habe ich viel gelernt von Willi Dickhut, mit dem ich monatliche Beratungen hatte, von Dieter Klauth, der damals Jugendbeauftragter war, von Martin Kasprik, von Klaus Arnecke

und nicht zuletzt von meinem persönlichen Assistenten, dem leider viel zu früh verstorbenen Dr. Klaus Vowe.

 

Er hängte damals seinen Lehrstuhl als Professor an der Universität Tübingen an den Nagel, um diese schlecht bezahlte Aufgabe bei uns zu übernehmen.

 

Er hat das über 25 Jahre bis zu seinem Tod gemacht.

 

Am wichtigsten war in den letzten 20 Jahren die enge, vertrauensvolle und stets schöpferische Zusammenarbeit mit Monika Gärtner-Engel.

 

Von dieser Zusammenarbeit gingen wichtige Impulse für die neuen Initiativen in der marxistisch-leninistischen Frauenarbeit, der marxistisch-leninistischen Kommunalpolitik und für die Parteiarbeit in und gegenüber

überparteilichen Selbstorganisationen aus.

 

Monika wäre sicherlich geeignet gewesen, sofort an meine Stelle zu treten und die Funktion des Parteivorsitzenden zu übernehmen.

 

Wir haben das aber bewusst anders entschieden.

 

Drittens habe ich hart und systematisch an der Überwindung meiner Schwächen gearbeitet und aus ihrer Überwindung schöpferische Schlussfolgerungen für die ganze Partei gezogen.

 

Als ich z.B. ins Ruhrgebiet umzog konnte ich ziemlich schlecht Hochdeutsch.

 

Ich habe mich dann verpflichtet, regelmäßig Artikel abzuliefern

und die Schriftleitung der Betriebszeitung: Der Schmelzer“ übernommen,

um dieses literarische Handwerk systematisch zu üben und zu erlernen.

 

Später konnte ich dann auch Bücher schreiben.

 

Aber das ging nicht von heute auf morgen, das war harte Arbeit!

 

Ich habe mich erst mal richtig mit der Dialektik in der deutschen Grammatik beschäftigt und studiert, damit ich keine Kommafehler und keine Rechtschreibfehler mache.

 

Das beherrsche ich heute alles.

 

Das kann man sich als Arbeiter erarbeiten.

 

Ich habe auch immer gut zugehört, wenn Genossen oder Kollegen,

Freunde oder auch Feinde Kritiken hatten.

 

Das war für mich wichtig, weil es unsere Außenwirkung berührte, die immer auch ein Teil der objektiven Wahrheit ist.

 

Der größte Fehler in der Geschichte meiner Leitungstätigkeit war meine zunächst negative Einschätzung der Wiedervereinigung Deutschlands.

 

Ich erinnere mich gut, denn es war der 60. Geburtstag meiner Mutter, den wir zusammen feierten.

 

Da wurde die Grenze geöffnet und alle kamen und jubelten.

 

Ich dachte, ihr werdet euch noch umgucken, was alles auf euch zukommen wird und habe aus der ganzen Kritik an der Vereinnahmung der DDR durch die westlichen Monopole, die ja auch tatsächlich statt gefunden hat, die demokratische Volksbewegung in der DDR gering geschätzt.

 

Sie war aber damals die entscheidende fortschrittliche Kraft im Kampf gegen den bürokratischen Kapitalismus in der DDR und für die Wiedervereinigung.

 

Das war metaphysisch! Wir haben damals in der gesamten Organisation diesen Fehler korrigiert. Ich habe öffentlich Stellung genommen und Schlussfolgerungen aus der Sache gezogen. Ich habe nicht viel Federlesens daraus gemacht.

 

Ich fand heraus, dass diesem Fehler Schwächen in der Beherrschung der dialektischen Methode zugrunde lagen:

 

Einseitigkeiten, habe metaphysische historische Analogien gesucht,

was da vielleicht wieder kommt, was früher mal war oder

auch unmittelbare Schlussfolgerungen.

 

Seitdem habe ich in Theorie und Praxis eisern daran gearbeitet,

die allgemeine Tendenz zur Geringschätzung der dialektischen Methode

in der alten kommunistischen Bewegung, die Teil der Ursache ihres Niedergangs war, zu überwinden und sie selbst immer besser zu beherrschen.

 

An den von mir ausgearbeiteten zwölf Semestern

zur bewussten Anwendung der dialektischen Methode

haben inzwischen etwa 10.000 Genossinnen und Genossen

teilgenommen und die Parteiarbeit dadurch nachhaltig verbessert.

 

Die Mitglieder der MLPD bestechen nicht umsonst durch eine sehr hohe

selbstständige Orientierungsfähigkeit in den kompliziertesten Fragen.

 

Viertens war mir von Anfang an Funktionärsgehabe zuwider.

 

Ich komme väterlicherseits aus einer Familie

mit kommunistischer Tradition.

 

Sie waren alle in der KPD, mein Vater, seine Brüder etc.

 

Viele Familienmitglieder haben sich nach dem Verbot der KPD, aus Enttäuschung über die Entwicklung bürokratischer Funktionärscliquen in der DDR und der KPD von ihren Idealen abgewandt.

 

So berechtigt ihre Kritik an den bürokratischen Erscheinungen in Führung der SED und der KPD waren, so einseitig war ihre Schlussfolgerung.

 

Als dialektische Negation prägte die MLPD bei allem Selbstbewusstsein

einen Führungsstil ohne Funktionärsdünkel.

 

Wir müssen Vorbild sein, aber ohne abgehoben oder gar überheblich zu sein.

 

Wer nicht auf einem Sockel steht, der kann auch nicht runter fallen.

 

Deshalb war mir die enge Verbindung zu den Arbeitern, zu den einfachen Leuten immer sehr wichtig.

 

Ich habe mich immer an der Kleinarbeit an der Basis beteiligt.

 

Beim Umzug ins Ruhrgebiet musste ich erst einmal den ganz anderen Menschenschlag kennen- und verstehen lernen.

 

Sehr wichtig waren damals für mich waren die Freundschaft mit Helga Janzcik, einer Putzfrau in Gelsenkirchen und Friedel und Hans Metzlaff, einer Stahlarbeiterfamilie, die mich intensiv in die Ruhrpottmentalität einführten; der Ückendorfer Arbeiterverein, der Fussballverein Rot/Gelb Ückendorf, die Straßenfeste auf der Bergmannstraße und der Fußballclub Rot-Weiß.

 

Auch die Wiederbelebung der revolutionären Tradition

der Pfingstjugendtreffen wurzeln aus dieser Zeit und aus der Erkenntnis, dass man das Denken, Handeln und das Fühlen der Massen erfassen und viel mehr für die Gewinnung der Jugend tun muss.

 

Bei allen Artikeln oder Reden machte ich mir viele Gedanken, wie ich das Thema verständlich mache, ohne unzulässig zu vereinfachen,

oder platt zu werden.

 

Meine größte Freude ist bis heute, wenn nach der Rede zu

einem komplizierten Thema Arbeiter zu mir sagen:

Ich habe alles – oder wenigstens das meiste - gut verstanden.“

 

Fünftens legte ich großen Wert auf einen Stil von Kleinarbeit in der Praxis,

der die Massen einbezieht, der sie nicht bevormundet oder als Zuhörer degradiert, sondern der sie selbst zum Hauptakteur werden lässt,

der ihr Selbstbewusstsein entwickelt, ihre Stärken fördert,

die Schwächen gegenseitig ausgleicht und zu überwinden hilft:

 

Wählerinitiativen, Feste, Redaktionen für Zeitungen,

gemeinsam vorbereitete Veranstaltungen, Ausflüge…

all das waren die Anfänge des heute entfalteten Systems der Kleinarbeit der MLPD, das eines ihrer Alleinstellungsmerkmale wurde.

 

Sechstens organisiere ich mein Leben als Einheit von Politik und Privatleben.

 

Die Einheit von Denken, Fühlen und Handeln ist die Grundfrage im Leben jedes Revolutionärs.

 

Wenn ich hier revolutionäre Reden schwinge und mich Zuhause wie ein Kleinbürger verhalte – das geht nicht.

 

So kann man niemanden überzeugen!

 

Überzeugen tut man die Leute nicht allein durch Worte, sondern vor allem durch seine ganze Persönlichkeit.

 

Das bedeutet auch - wenn nötig - persönliche Interessen und Bedürfnisse der Sache unterzuordnen.

 

Die vielen notwendigen Umzüge waren für mich als bodenständiger Mensch

eigentlich nie so meine Sache.

 

Mein Herz schlägt auch für Kinder.

 

Aber mit einer Kinderschar wäre meine Arbeit als Parteivorsitzender

nicht möglich gewesen.

 

Manche Freunde oder auch Partnerinnen waren nicht bereit, die revolutionäre Priorität in meinem Leben zu akzeptieren oder mitzutragen.

 

Das erforderte manche Opfer in meinem Leben.

 

Die entscheidende Frage kann aber niemals sein,

was bekomme ich von der Partei, was habe ich davon für Vorteile?

 

Leitlinie für mich war immer: Was kann ich beitragen

für unser Ziel,

für unsere Ideale,

für die Entwicklung der Partei,

für die Entfaltung der Fähigkeiten und Talente

aller ihrer Mitglieder und Mitstreiter?

 

Das war für mich auch kein Martyrium, wie das immer so dargestellt wird in der antikommunistischen Presse, sondern ich habe meine Arbeit immer gern gemacht und mache sie auch immer noch gern.

 

Siebtens zog ich kritische Schlussfolgerungen aus dem in der alten kommunistischen Bewegung oft üblichen, oftmals barschen, Umgang mit Kadern.

 

Genossen bei Fehlern oder vermeintlichen Fehlern abzusetzen, abzuwerten,

zu degradieren, ihnen ihre Funktion, ihre Würde oder gar ihr Leben zu zerstören, ist im Grunde unvereinbar mit dem kommunistischen Freiheitsideal!

 

Jeder Mensch hat bei den besten Eigenschaften immer auch Unzulänglichkeiten, zuweilen auch schlechte Angewohnheiten und macht Fehler.

 

Auch im Parteiaufbau gab es manchmal sehr weitgehende Fehler und Fehlentscheidungen einzelner Genossen oder Leitungen.

 

Schließlich sind wir Marxisten-Leninisten auch destruktiven Einflüssen

aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgesetzt und werden spontan davon beeinflusst.

 

Nicht der Fehler, sondern die Stellung zu den Fehlern wurde für die MLPD als Partei neuen Typs ausschlaggebend.

 

Wir dürfen niemals Vorbehalte entwickeln, nur weil jemand Fehler gemacht hat.

 

Wir müssen bei Kritiken immer dem ganzen Menschen und seiner ganzen Lebensgeschichte gerecht werden.

 

Manchmal ist die Kritik sehr schwierig, weil man sich aufregt über bestimmte Fehler und Fehlverhalten.

 

Dann muss man seine Selbstkontrolle einschalten, sonst kommen wir genau zu dem Stil, den wir hier nicht haben wollen: Dass man Leute abfertigt oder aburteilt.

 

Man muss hier strikt die Objektivität der Betrachtung walten lassen, vor allem den Menschen im Mittelpunkt sehen und Hilfe anbieten, wenn jemand Fehler gemacht hat.

 

In einer differenzierten Kaderarbeit müssen wir immer proletarisches Selbstbewusstsein vermitteln und nicht einseitig gegen kleinbürgerliche Erscheinungen zuspitzen.

 

Das ist natürlich etwas ganz anderes als Angeberei, Überheblichkeit

oder gar Größenwahn.

 

Zu einer erfolgreichen Kaderarbeit gehört auch eine proletarische Streitkultur,

über die allein sich positive, proletarische Eigenschaften durchsetzen.

 

Mit einer kleinbürgerlichen Streitkultur kann man überhaupt nichts erreichen, z.B. mit Rechthaberei oder wenn man sich nicht auf Augenhöhe miteinander unterhält - das führt zu nichts.

 

Achtens legte ich in der Parteiarbeit immer Wert auf solides Handwerk.

 

Zuhause habe ich gelernt, das immer alles akkurat und ordentlich sein muss.

 

In meiner Lehre als Reparaturschlosser lernte ich systematisch zu arbeiten.

 

Bis heute klingt der Satz von meinem Meister im Anna-Werk, hier in Rödental, im Ohr:

Bevor du eine Anlage auseinanderlegst, überlege dir genau, wie du sie dann wieder zusammenbaust.“

 

 

Im Lauf der Jahre der politischen Arbeit merkte ich dann, dass auch nur bei solidem Handwerk wirklich die Stärken des Einzelnen zum Tragen kommen können und dass auch die komplizierteste Funktion erlernbar ist.

 

Mit solidem Handwerk – das kann man alles lernen.

 

80 Prozent einer Funktionsausübung ist solides Handwerk und kann von jedem, der einigermaßen bei Verstand ist, auch erlernt werden.

 

Neuntens war ich schon immer streitbar, furchtlos,

und besaß die nötige Bereitschaft zum Risiko.

 

Wer zu viel Aufhebens um die eigene Person macht,

der wird ängstlich, zögernd, entschlusslos

und verliert schließlich seine revolutionäre Einstellung.

 

Eine solche Risikobereitschaft spielte

jeweils eine zentrale Rolle bei der Führung der

Arbeiterkämpfe, vom Reichsbahnerstreik in Berlin 1980,

dem Stahlarbeiterkampf in Rheinhausen 1988,

dem großen Bergarbeiterstreik 1997 und

dem Opel-Streik 2004.

 

Oder als wir dem antikommunistischen Bankenboykott trotzten und

uns mit der Horster Mitte, Häusern wie hier in Truckenthal,

mit unseren finanziellen Reserven oder unseren ökologischen Investitionen

alle Potenziale ausschöpften und unsere viel beachteten

ebenso seriösen wie attraktiven Arbeitsbedingungen schufen.

 

 

 

 

Zehntens wuchs über die Jahre der Drang und die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten, die heute in der MLPD zum Allgemeingut geworden ist.

 

Ich begann als junger Parteiführer, mit unbeugsamen Kampfgeist,

großem organisatorischem Geschick und revolutionärem Elan,

arbeitete aber zunächst auch sehr stark intuitiv, aus dem Gefühl heraus.

 

Im Lauf der Zeit, mit viel Übung, auch aus positiven und negativen Erfahrungen lernte ich theoretisch zu arbeiten.

 

Unter Anleitung von Willi Dickhut lernte ich,

den Dingen auf den Grund zu gehen,

neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen

in der Natur, in der Gesellschaft oder in der Partei aufzuspüren, zu qualifizieren und ebenso rechtzeitig wie perspektivisch die nötigen praktischen und theoretischen Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Das macht theoretische Arbeit aus.

 

So kam ich Schritt für Schritt auch in die Lage, unsere ideologisch-politische

Linie immer besser zu verstehen, sie gegebenenfalls in der ein oder anderen Frage weiter zu entwickeln.

 

Diese Fähigkeit zur theoretischen Arbeit ist letztlich der entscheidende Reifeprozess, der einen Vorsitzenden einer marxistisch-leninistischen Partei ausmacht.

 

Elftens: In der ganzen Zeit meines Wirkens verlor ich nie die intensivsten Beziehungen zur Jugend.

 

Ich besuchte nicht nur regelmäßig die jährlichen Sommercamps,

Ich war auf 44 von 46 Sommercamps in den letzten 46 Jahren, entweder als Teilnehmer oder als Besucher.

Ich nehme auch gerne an Jugendaktivitäten teil.

 

Ich machte Vorschläge, leitete persönlich an und genoss natürlich die Lebendigkeit und Frische unserer jungen Genossen.

 

 

Liebe Freunde und Freundinnen,

liebe Genossinnen und Genossen!

 

Ich übergebe heute also mit Freude und Stolz den Parteivorsitz an Gabi Gärtner, die ich schon seit ihrer frühesten Jugend kenne.

 

Der rechtzeitige Aufbau von Kaderreserven, die weitsichtige Ausbildung

von künftigen Führungspersönlichkeiten hat schon Tradition in der MLPD.

 

In den letzten 20 Jahren haben wir, vor allem Monika und ich, jedoch systematisch auf allen Ebenen der Partei den Generationswechsel

vorbereitet.

 

Der X. Parteitag im letztes Jahr konnte sehr viele

junge, bereits gut ausgebildete Arbeiter, Frauen und Jugendfunktionäre

ins Zentralkomitee wählen.

 

Auch das Sekretariat – also die führende Gruppe zwischen den Plenen des Zentralkomitees – besteht inzwischen überwiegend aus neuen, jungen Genossinnen und Genossen.

 

Die ganze Partei hat die volle Verantwortung für diesen zukunftsweisenden Prozess übernommen.

 

Der Generationswechsel an der Parteispitze ist nicht aus der Not geboren,

sondern ist die reife Frucht einer perspektivischen Kaderarbeit.

 

 

Liebe Freunde und Freundinnen,

liebe Genossinnen und Genossen,

 

der X. Parteitag hat es sehr begrüßt

und das Zentralkomitee hat einstimmig und in geheimer Wahl

Gabi Gärtner zur Parteivorsitzenden gewählt.

 

Hinter dieser Entscheidung steht die ganze Partei,

stand auch der X. Parteitag, auf dem das vorgeschlagen wurde,

der Jugendverband Rebell und die Kinderorganisation Rotfüchse.

 

Und das mit gutem Grund:

 

Gabi Gärtner hat viele gute Eigenschaften.

 

Sie hat eine sehr außerordentlich positive Ausstrahlung auf Menschen,

geht offen auf die Leute zu und kann sie schnell gewinnen.

 

Sie ist kämpferisch, entschlossen und diszipliniert,

hat ein hohes Kulturniveau und Überzeugungskraft.

 

Sie hat ein ausgeprägtes Organisationstalent mit viel Liebe zum Detail, das sicherlich auch durch ihren Beruf als Werkzeugmacherin geschärft wurde. Werkzeugmacher müssen immer auf Mü arbeiten – da kann man nicht so Pi mal Daumen machen, sondern alles muss passen.

 

Als revolutionäre Arbeiterin hat sie direkt oder indirekt schon wesentlich an der Führung der bedeutenden Arbeiterkämpfe mitgearbeitet.

 

Ich will diese Liste ihrer Vorzüge nicht fortsetzen, ihre gute Eignung werdet ihr in den nächsten Jahren schon selbst erleben.

 

Ich auf jeden Fall bin überzeugt, dass sie die beste Wahl aus

unserem Nachwuchskader ist.

 

Natürlich muss sie auch noch einiges lernen.

 

Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage: Diese Aufgabe zu erlernen

ist ein jahre- und jahrzehntelanger Selbstveränderungsprozess.

 

Dabei können Fehler und Probleme auftreten.

 

Entscheidend ist dabei, dass man nie aufhört ebenso bescheiden wie selbstbewusst zu lernen.

 

Und zwar von jedem, von dem man etwas lernen kann.

 

Dabei wird sich Gabi das notwendige Vertrauen erwerben,

auf das auch ich viele Jahre bauen konnte.

 

 

Liebe Genossinnen und Genossen,

 

bürgerliche und kleinbürgerliche Parteien

schmücken sich gerne

mit ihren jugendlichen Shootingstars.

 

Von diesen wird dann oft ein völlig unrealistisches Bild

des megacoolen Aufsteigers gezeichnet.

 

 

Revolutionäre handhaben das etwas anders.

 

Wir bringen unserer neuen Parteivorsitzenden jede Unterstützung und

zugleich die jederzeitige revolutionäre Wachsamkeit, offene kritische Begleitung und damit grundlegenden Respekt entgegen.

 

Beachten wir immer:

Einseitige Glorifizierung ist nicht nur irreal, sondern kann auch einen

unsäglichen Druck ausüben.

 

Lassen wir Gabi mit Respekt ihren eigenen Weg auf dem festen Fundament unserer Programmatik, Beschlüsse und Prinzipien finden.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass sie das gut machen wird!

 

Ich danke nun allen Genossinnen und Genossen

Mitstreiterinnen und Mitstreitern

für das große Vertrauen, die Loyalität, die Solidarität und

die Zusammenarbeit der letzten 37 Jahre.

 

Und diese feste gemeinsame Basis des Vertrauens und des Zusammenhalts war immer eine wesentliche Grundlage, dass ich meine Arbeit gut machen konnte.

 

Und nun möchte ich Gabi Gärtner sozusagen den Schlüssel für unser gut bestelltes Haus überreichen.

 

Das ist nicht gerade der Schlüssel für ein Sicherheitsschloss, aber er symbolisiert, dass sie jetzt die Hausmacht hat in der Horster Mitte in Gelsenkirchen.

 

Alles Gute!

 

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