Die Bedeutung der wissenschaftlichen Polemik (Teil III)

»Rote-Fahne«-Artikel-Reihe zur proletarischen Streitkultur, Teil III

streitkultur3.jpgDas Wort Polemik gehört zu den umstrittenen Begriffen in der Gesellschaft und ist vom modernen Antikommunismus negativ belegt. Wer kennt nicht die Warnung, »bloß nicht polemisch zu werden«. In jedem Fremdwörterbuch kann man dagegen nachlesen, dass der Begriff Polemik aus dem griechischen Wort »Krieg« abgeleitet ist und »wissenschaftlicher Streit« bedeutet.

Woher rührt also diese beleidigte Unsachlichkeit gegenüber der Polemik? Die Polemik wird von der kleinbürgerlichen Denkweise, die nach Versöhnung trachtet, gefürchtet. Sie ist Gegenstand der Attacken des modernen Antikommunismus, weil die kleinbürgerliche Denkweise die offene Auseinandersetzung mit der proletarischen Denkweise scheut.

Die proletarische Denkweise ist dagegen nur in der direkten Konfrontation der kleinbürgerlichen Denkweise überlegen. Deshalb muss dieser Kampf immer offen, direkt und angriffslustig ausgetragen werden. Die proletarische Streitkultur zeichnet sich in der Behandlung antagonistischer Widersprüche gerade durch die wissenschaftliche Polemik aus.

Die wissenschaftliche Polemik ist eine unverzichtbare Methode der proletarischen Streitkultur. Sie findet Anwendung im offenen Kampf gegen den Klassenfeind, gegen seine bürgerliche Ideologie und gegen das Vordringen der kleinbürgerlichen Denkweise.

Für die Arbeiter ist die Polemik nichts Fremdes. Sie ist notwendig zur Klärung der Klassenfronten und ihres Klassenstandpunkts. Deshalb geht es auch im täglichen Kleinkrieg im Betrieb »rau, aber herzlich« zu. Dazu gehört auch, sich untereinander offen die Meinung zu sagen, hart in der Sache, aber nie persönlich verletzend zu sein usw.

Eine gute Polemik zeigt sich in ihrer belebenden und befreienden Wirkung, weil sie klärt.

Ganz anders die reformistischen Arbeiterführer wie Berthold Huber, der im Tarifkampf der Metaller Verhandlungsführer seitens der IGM war. Eine Leitlinie für sein Verhalten in den letzten Wochen hat er dankenswerterweise in einem Thesenpapier offenbart: »Was mich in der jetzigen Phase der Debatte umtreibt, ist die Angst vor einer grobschlächtigen Polarisierung (...), da sie wenig bis gar nichts zur Lösung der bestehenden Problemlage« beiträgt. (»Thesenpapier zur gegenwärtigen Debatte zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit«, IGM-Homepage 16.8.99) Die »Problemlage« des Berthold Huber war es zu verhindern, dass in dieser Tarifrunde die Arbeiter den gewerkschaftlichen Streik zu ihrer Sache und zu einer Abrechnung mit der Schröder/Fischer-Regierung machen, also zu verhindern, dass der Tarifkampf der Metaller zu einer Schule des Klassenkampfs wird. Die offene Polemik darüber, welchen Weg die Arbeiter gehen, ist für die rechte Gewerkschaftsführung eine »grobschlächtige Polarisierung«, die sie nicht dulden will und kann. Der Versuch der reformistischen Gewerkschaftsführung, zur Schonung der SPD/Grünen-Regierung im Jahr der Bundestagswahlen auch gewerkschaftliche Kämpfe zu vermeiden, ging allerdings voll in die Hose. Mit über 1,5 Millionen Beteiligten an Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen ist diese Tarifrunde bereits zur wichtigsten Klassenauseinandersetzung seit Antritt der Schröder/Fischer-Regierung geworden. Vor allem der Kern des Industrieproletariats lehnt die negativ ausgerichtete Klassenzusammenarbeitspolitik mittlerweile relativ bewusst ab. Die MLPD hat durch ihre jahrelange Kleinarbeit dazu wesentlich beigetragen. Während der Metalltarifrunde erschienen insgesamt acht Flugblätter der Reihe »Streik aktuell«, die eine Polemik gegen die Provokationen der Unternehmerverbände, gegen die arbeiterfeindliche Politik der Bundesregierung und die sie unterstützende rechte Gewerkschaftsführung entwickelte.

Die Abneigung gegen eine wissenschaftliche Polemik traf auch auf die revisionistischen Führer in der Sowjetunion und der DDR zu. Im »Kleinen politischen Wörterbuch« der DDR (Dietz-Verlag 1973) taucht der Begriff Polemik gleich gar nicht auf. Das ist auch kein Wunder. Denn dort hatten die verantwortlichen Bürokraten in Staat, Wirtschaft und Partei ausgehend vom XX. Parteitag der KPdSU 1956 den Sozialismus zerstört und ihre eigene bürokratisch-kapitalistische Herrschaft über die ganze Gesellschaft errichtet. Gegen die Entfaltung des Kampfs der Arbeiter und Volksmassen tarnten sie ihren bürokratischen Kapitalismus als »realen Sozialismus« und behaupteten, in diesem gäbe es keinen Klassenkampf mehr - auch nicht auf ideologischem Gebiet.

In Westdeutschland verbreiteten die modernen Revisionisten Lügen und Gerüchte gegen die Marxisten-Leninisten. Während sich die DKP weitgehend von der Stasi-Diktatur der DDR finanzieren ließ, streuten sie das absurde Gerücht, die MLPD werde vom »Verfassungsschutz bezahlt und gesteuert«. Es ist bezeichnend, dass sie zugleich bis zum heutigen Tage jeder prinzipiellen Auseinandersetzung aus dem Weg gingen. Trotz wiederholter Aufforderung nahmen sie nie zur Analyse von Willi Dickhut über »Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion« Stellung.

Lenin, auf den sich die DDR-Führung auch unter Honecker in Worten berief, betonte dagegen die große Bedeutung der Polemik und war selbst ein großer Meister des Polemisierens. Er schrieb:

»Eine Polemik zwischen Genossen lehnen wir in unseren Organen nicht nur nicht ab, sondern wir sind im Gegenteil bereit, ihr sehr viel Platz einzuräumen.« (Lenin, Werke, Bd.4/S.325) »Die Polemik wird nur dann Nutzen bringen, wenn sie klarstellt, worin eigentlich die Meinungsverschiedenheiten bestehen, wie tief sie gehen, ob es sich um Meinungsverschiedenheiten über das Wesen der Sache oder um Meinungsverschiedenheiten in Teilfragen handelt, ob diese Meinungsverschiedenheiten ein Hindernis für die gemeinsame Arbeit in den Reihen ein und derselben Partei sind oder nicht.« (ebenda, S.225)

Unter den heutigen Bedingungen mit der ausschlaggebenden Rolle der Denkweise im Klassenkampf hat die Bedeutung der wissenschaftlichen Polemik eine noch größere Dimension bekommen. Sie beschränkt sich nicht nur auf den Kampf gegen den Klassenfeind und die Klärung grundlegender Positionen unter den Führern in der Arbeiterbewegung. Die Arbeiterbewegung muss mit der kleinbürgerlichen Denkweise fertig werden. Die wissenschaftliche Polemik muss der Arbeiterbewegung helfen, sich ideologisch, politisch und organisatorisch vom Einfluss kleinbürgerlicher Richtungen zu lösen und vollständig mit ihnen zu brechen und die proletarische Denkweise zu festigen und höher zu entwickeln.

Um kleinbürgerliche Richtungen in der marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung handelt es sich dann, wenn die kleinbürgerliche Denkweise eine allseitige Programmatik besitzt bzw. annimmt. Dann ist der Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise nicht mehr ein innerer Widerspruch und Triebkraft für die Arbeiterbewegung, sondern die kleinbürgerliche Denkweise tritt als äußerer Gegensatz mit zerstörerischer Wirkung auf. Kleinbürgerliche Richtungen spielen die Rolle einer Agentur der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung. In dieser Rolle zeigt sich die PDS auf ihrem Weg zu einer Monopolpartei immer unverhüllter. Der Geschäftsstellenleiter der PDS in Berlin-Pankow klagt: »Zu uns kommen viele Leute und schimpfen: Das, was ihr da im Senat macht, kann nicht PDS-Politik sein. (...) Aber dann reden wir mit ihnen und am Schluss sehen sie meistens ein: Es bleibt uns keine Wahl. Woher sollte denn das Geld für mehr Sozialpolitik auch kommen?« (»Tagesspiegel«, 23. 4. 02)

Das leuchtet ein! »Woher« sollte auch Geld für soziale Reformen kommen, wenn es den Konzernen in den Rachen geschoben wird, wenn die Berliner Landesregierung täglich mehrere Millionen Schuldzinsen an die Banken zahlt? Ja, der PDS-Führung bleibt wahrlich »keine Wahl«: Will sie in der Berliner Landesregierung gemeinsam mit der SPD die Geschäfte der Monopole führen, dann muss sie auch Monopolpolitik durchführen. Bezeichnenderweise hat sie nicht den Mut, das offen auszusprechen, sondern verpackt es auch noch zur Täuschung ihrer Anhänger als moderne, sozialistische Politik und denunziert damit die sozialistischen Ideale, die sie nie wirklich vertreten hat.

Wir unterscheiden drei Stufen kleinbürgerlicher Richtungen, die sich durch ihre Entstehung, Geschichte, Existenzgrundlage und Wirkungsweise unterscheiden:

a) Einfluss von Bewegungen aus dem Kleinbürgertum auf die Arbeiterbewegung vor allem im Zuge gemeinsamer Kämpfe (z.B. kleinbürgerliche Friedenskämpfer im aktiven Widerstand, kleinbürgerliche Umweltbewegung im aktiven Volkswiderstand)

b) Vordringen der kleinbürgerlichen Denkweise in der marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung und Systematisierung einer kleinbürgerlichen Linie bis zum Liquidatorentum

c) Kleinbürgerliche Richtungen in der Arbeiterbewegung, die durch die reformistische Politik der Gewerkschaftsbürokratie und von den bürgerlichen Arbeiterparteien bei gleichzeitiger Verbreitung antikommunistischer Vorurteile in die Arbeiterbewegung getragen werden.

Der wissenschaftlichen Polemik wird von ihren Gegnern unterstellt, sie greife das Kleinbürgertum an, sie sei abstoßend und verletzend, statt vor allem die Gemeinsamkeiten zu suchen, sie sei negativ, statt das Positive zu betonen usw. Alle diese Vorbehalte laufen darauf hinaus, den Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise abzulehnen und als störend für die Herstellung und Entwicklung der Kampfeinheit zu verunglimpfen. Eine bessere Schützenhilfe kann man der zersetzenden Wirkung der kleinbürgerlichen Denkweise nicht geben, als vor dem Angriff auf sie zu warnen.

Die wissenschaftliche Polemik hat nichts mit persönlichen Fehden zu tun, sondern zielt auf die Entscheidung im Kampf zweier Linien ab. Dabei ist sie kein Abwehrkampf, sondern eine schöpferische Attacke.

Ihre grundlegende Methode ist die vollständige Aufdeckung des antagonistischen Widerspruchs und seine Entfaltung und Zuspitzung bis zum Äußersten, um die Entscheidung im Kampf zweier Linien zugunsten der proletarischen Linie herbeizuführen. Die Polemik ist schonungslos in der Sache und bekämpft Halbherzigkeit, jedes Lavieren und Versöhnlertum. Sie ist Ausdruck einer revolutionären Grundhaltung, die den proletarischen Klassenstandpunkt unter allen Bedingungen auch gegen den Strom schwimmend unbeirrt bis zu Ende durchficht.

Die wissenschaftliche Polemik auf ideologischem Gebiet ist immer ein Vorgefecht für den Kampf selbst. Sie legt die Machtverhältnisse und das strategische Kräfteverhältnis offen und ist damit eine notwendige Vorbereitung für den eigentlichen Kampf um die Macht.

Da wir in einer Klassengesellschaft mit antagonistischem Charakter leben, ist die Polemik keine Ausnahme, die von Fall zu Fall angewendet werden kann, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der täglichen proletarischen Streitkultur in der Parteiarbeit. Die wissenschaftliche Polemik hat dabei auch bei nichtantagonistischen Widersprüchen eine Berechtigung, um der Gefahr der Verwandlung in einen antagonistischen Widerspruch entgegenzutreten und diese Gefahr bis in seine unausweichliche Konsequenz deutlich zu machen.

Allerdings besteht eine besondere Problematik bei der Anwendung der wissenschaftlichen Polemik darin, dass man erkennen muss, wann man sie anwenden muss und wann nicht.

So ist sie z.B. bei der Klärung neuer Fragen zur Weiterentwicklung der ideologisch-politischen Linie unangebracht. Hier müssen statt dessen Beratungen, Erfahrungsaustausch usw. durchgeführt werden. Der falsche Einsatz der Polemik verwandelt diese in eine kleinbürgerliche Methode der Arroganz, der Überheblichkeit usw.

Es gibt allgemeine Merkmale der wissenschaftlichen Polemik, die auf jedem Gebiet zutreffen. Dazu zählen unter anderem:

  • Exakte Klärung des Gegenstandes, keine Interpretation, sondern Darlegung der tatsächlich vorhandenen Streitfrage.
  • Vollständige Aufdeckung des Widerspruchs in seiner ganzen Absurdität, Entfaltung und Zuspitzung bis zum Äußersten.
  • Aufzeigen, wohin die kleinbürgerliche Richtung in letzter Konsequenz führen muss.
  • Den Gegner demoralisieren und den Schein seiner Allmächtigkeit nehmen, die Moral der Massen und die eigenen Kräfte heben.
  • Keine Behauptungen ohne Beweise (Zitate, Fakten usw.)
  • Den Gegner ins Lächerliche ziehen bei Wahrung der Sachlichkeit der Auseinandersetzung. Verwendung des Stilmittels des Witzes.
  • Restlos überzeugende Argumente.
  • Die Polemik muss den Blick schärfen für die politische Bedeutung der Auseinandersetzung.
  • Den Gegner anhand der eigenen Argumente und Praxis überführen.

Die Polemik hat zugleich auf jedem Gebiet ihre Besonderheiten, die beachtet werden müssen. Eine Polemik in der Agitation und Propaganda wirkt oft dadurch, dass Fragen nur angerissen und aufgeworfen werden oder indem bewusst übertrieben oder krass gegenübergestellt wird. In der theoretischen Arbeit muss der wissenschaftliche Nachweis, das Zerpflücken der gegnerischen Linie bis zu Ende erfolgen, hier ist auch bei der Polemik große Nüchternheit nötig. In der Kaderarbeit spielen z.B. die Gefühle eine besondere Rolle.

Die wissenschaftliche Polemik ist eine Wissenschaft und die höchste Form der proletarischen Streitkultur im Kampf gegen die bürgerliche Ideologie und das Vordringen der kleinbürgerlichen Denkweise. Sie erfordert ideologisch-politische Sicherheit, allseitige praktische Kenntnisse vom Gegenstand der Auseinandersetzung und die Beherrschung prinzipieller Kritik und Selbstkritik auf höchstem Niveau. Lernen wir die wissenschaftlichen Polemik als scharfe und erfrischend lebendige Waffe im Kampf um die Schaffung der Partei der Massen einzusetzen!

In weiteren Ausgaben der »Roten Fahne« werden in loser Folge Artikel unter anderem zu folgenden Themen erscheinen:

  • Die proletarische Streitkultur in der Parteiarbeit
  • Die proletarische Streitkultur zur Höherentwicklung der Wechselbeziehung von Partei und Massen

Artikelaktionen