Die Behandlung antagonistischer und nichtantagonistischer Widersprüche durch die proletarische Streikultur (Teil II)

»Rote-Fahne«-Artikel-Reihe zur proletarischen Streitkultur, Teil II

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»Rote-Fahne«-Artikel-Reihe zur proletarischen Streitkultur, Teil II

Der Gelsenkirchener Parteitag hat der MLPD die Aufgabe gestellt, zu lernen, Massen zu bewegen und zu führen. Die Notwendigkeit und Möglichkeit dazu ist herangereift: Zum einen hat sich eine Übergangssituation herausgebildet. Die Merkmale der relativen Ruhe im Klassenkampf beginnen sich deutlich aufzulösen und machen einer sich vertiefenden Tendenz zur allgemeinen Destabilisierung der Gesellschaft Platz. Zum anderen hat die MLPD mit der Durchsetzung der Arbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise die innere Voraussetzung für die Lösung dieser Aufgabe geschaffen. Bei der Höherentwicklung des Wechselverhältnisses zwischen Partei und Massen kommt der richtigen Behandlung von Widersprüchen eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der MLPD zur Partei der Massen zu.

Der dialektisch-materialistische Standpunkt geht von der Grundauffassung aus: Bewegung fußt auf Widersprüchen. Dabei nimmt der Kampf der Gegensätze in jedem konkreten Entwicklungsprozess in Natur und Gesellschaft vielfältige Formen an. Die wichtigsten sind:

  • der Antagonismus, der unversöhnliche Widerspruch, dessen Lösung das Zerbrechen der alten Einheit verlangt
  • und die nichtantagonistischen Widersprüche, deren Lösung zur Höherentwicklung der Einheit führt.

Für die erfolgreiche Entwicklung des Parteiaufbaus der MLPD war die grundlegende Klärung des Charakters der Widersprüche und ihre richtige Behandlung eine wesentliche ideologisch-politische Grundlage. Dazu führt der REVOLUTIONÄRE WEG 24 aus:

»Erfolg und Mißerfolg der marxistisch-leninistischen Partei sind eng verbunden mit der richtigen Behandlung von Widersprüchen. Das gilt gleichermaßen für die Führung des Klassenkampfes wie für den Parteiaufbau. Widersprüche im Volk sind nichtantagonistische, Widersprüche zwischen uns und dem Feind antagonistische Widersprüche. Jede dieser beiden Arten von Widersprüchen verlangt eine ihrem grundsätzlichen Charakter nach eigene Behandlung. (...) >Bei nichtantagonistischen Widersprüchen ist die Einheit die Hauptsache, das Wesentliche! Bei antagonistischen Widersprüchen ist die Spaltung die Hauptsache, das Wesentliche!< (ROTE FAHNE 10/1980)

Sobald diese Unterscheidung vernachlässigt oder verfälscht wird, müssen sich Fehler einstellen. (...) Durch eine richtige Behandlung der Widersprüche ist es möglich, dass sich antagonistische in nichtantagonistische Widersprüche verwandeln. Durch eine falsche Behandlung der Widersprüche können sich dagegen nichtantagonistische in antagonistische Widersprüche verwandeln.« (S.152 ff)

Und er kommt zu dem Schluss: »Bei der Behandlung von Widersprüchen in der revolutionären Partei muß die dialektische Methode angewandt werden, um die Einheit zu wahren.« (S.155)

Auf dieser grundsätzlichen Erkenntnis baut auch jede proletarische Streitkultur auf. Sie ist sozusagen ihr weltanschauliches Herzstück.

Dabei ist das bestimmende Merkmal beim Nichtantagonismus die positive Entwicklungsrichtung, die sich hin zur Lösung und Höherentwicklung abzeichnet.

Nichtantagonistische Widersprüche drücken sich z.B. in den jetzigen Tarifrunden aus in einer Kritik an Reformismus und Stellvertretertum, einer Kritik an mangelndem Vertrauen in die Massen, im Eintreten für die volle Durchsetzung der gewerkschaftlichen Forderungen auf Kosten der Unternehmerprofite, in positiven Vorschlägen zur Entfaltung der gewerkschaftlichen Kampfkraft usw.

Das nichtantagonistische Moment verlangt als wesentliche Bedingung:

a) Die Überlegenheit der proletarischen Denkweise im Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise

b) Die Kritik am antagonistischen Widerspruch und

c) Seine Lösung in der Praxis.

Die Wirkung des antagonistischen Widerspruchs zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise in der Massenbewegung, aber auch in der Partei, ist dagegen die Zersetzung und Zerstörung, solange er nicht gestoppt und in einen nichtantagonistischen Widerspruch umgewandelt wird. Antagonistische Widersprüche in der Tarifrunde sind z.B. die Diskreditierung der berechtigten Lohnforderungen der Kollegen als »unbezahlbar«, die Vermeidung der vollen Entfaltung der gewerkschaftlichen Kampfkraft, die Suche nach faulen Kompromissen usw.

Bei den antagonistischen Widersprüchen, die sich der Entwicklung der Arbeiterkämpfe entgegenstellen, müssen drei Arten unterschieden werden:

a) Der antagonistische Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat spiegelt sich als offener Kampf zwischen bürgerlicher und proletarischer Ideologie in der Arbeiterbewegung wider.

b) Der Widerspruch zwischen der reformistischen Gewerkschaftsführung und der Arbeiterklasse ist antagonistisch. Die rechte Gewerkschaftsführung bekämpft die Entfaltung des Klassenkampfs in ihrer Rolle als Ordnungsfaktor und ist ein Träger des gesellschaftlichen Systems der kleinbürgerlichen Denkweise in der Arbeiterbewegung.

c) Die Wirkung der kleinbürgerlich-revisionistischen und -reformistischen Denkweise unter den Arbeitern hemmt die Höherentwicklung des proletarischen Klassenkampfs, solange die Arbeiter nicht mit der kleinbürgerlichen Denkweise fertig werden.

Die proletarische Streitkultur in der Arbeiterbewegung muss den antagonistischen Widerspruch zur Bourgeoisie entfalten, d.h. die Arbeiter für den Sturz des Imperialismus gewinnen. Das geschieht in der ideologisch-politischen Auseinandersetzung mit der Klassenzusammenarbeitspolitik der rechten Gewerkschaftsbürokratie, ohne diese jedoch mit den Kapitalisten auf eine Stufe zu stellen. Das muss in dialektischer Einheit stehen mit der sachlichen Klärung nichtantagonistischer Widersprüche innerhalb der Masse der Gewerkschaftsmitglieder im Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise.

Es ist sehr wichtig, zwischen nichtantagonistischen und antagonistischen Widersprüchen zu unterscheiden. Die kleinbürgerliche Denkweise scheut Widersprüche und betrachtet tendenziell jeden Widerspruch als Antagonismus, als etwas Negatives, und stellt sich dadurch jeder Höherentwicklung entgegen. Sie kommt auch in einer willkürlichen und moralisierenden Bestimmung des Charakters der Widersprüche zum Ausdruck, wenn Widersprüche als persönlich besonders schlimm, sehr scharf und dergleichen kategorisiert werden. Um den prinzipiellen Charakter von Widersprüchen richtig zu bestimmen, muss aber streng wissenschaftlich vorgegangen werden.

Es ist ein metaphysischer Grundirrtum im Kampf um die Denkweise, zu meinen, in der Realität träten antagonistische und nichtantagonistische Widersprüche fein säuberlich getrennt auf.

Tatsächlich haben wir es in der praktischen Kleinarbeit unter den Massen in der Regel mit Übergangsformen zwischen antagonistischen und nichtantagonistischen Widersprüchen zu tun. In der Wirklichkeit durchdringen sich also antagonistische Widersprüche mit nichtantagonistischen Momenten und umgekehrt. Deshalb ist der prinzipielle Charakter der Widersprüche unter bestimmten Bedingungen verwandelbar. Eine der wichtigsten Bedingungen ist die Wirkung der proletarischen Streitkultur selbst. Die proletarische Streitkultur strebt eine nichtantagonistische Lösung aller Widersprüche unter den Massen und zwischen den Massen und der Partei an. Sie hilft, die gegensätzlichen Entwicklungsmöglichkeiten und -tendenzen bewusst zu machen, bestärkt die positive Lösung und trägt zur Klärung bei.

Die Umwandlung des Charakters der Widersprüche ist eine Hauptaufgabe der proletarischen Streitkultur. Das berührt insbesondere:

  • Die Überwindung von Opportunismus und Versöhnlertum, Massenfeindlichkeit und Sektierertum unter den Massen und die Verschärfung des Antagonismus zum Klassengegner
  • und die Umwandlung antagonistischer Widersprüche in nichtantagonistische unter den Massen bzw. die Vermeidung der Verwandlung nichtantagonistischer Widersprüche in antagonistische und ihre Lösung zur Höherentwicklung des Klassenkampfs.

Die Lösung dieser Aufgabe ist jedoch inhaltlich daran gebunden, den Widerspruch zu den Monopolen und ihrem Staat zu verschärfen und den Klassenkampf zum Sturz der Diktatur der Monopole zu entfalten. Darin liegt die dialektische Wechselbeziehung zwischen antagonistischen und nichtantagonistischen Widersprüchen in der Arbeiterbewegung.

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