Was ist die proletarische Streitkultur (Teil I)

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Gerade in Krisenzeiten oder in Zeiten qualitativer Übergänge zu einer neuen Situation entfaltet sich in der Arbeiterbewegung, der Volksbewegung und auch in der revolutionären Arbeiterpartei die Diskussion um den richtigen Weg, die richtigen Schlussfolgerungen. Dieser entfaltete Meinungsstreit ist nur die materielle Widerspiegelung gesellschaftlicher Veränderungen. Wie dieser Kampf ausgetragen wird, hat oft eine ausschlaggebende Bedeutung für ganze Entwicklungsrichtungen der Bewegung. Deshalb rückt die Frage nach der richtigen Streitkultur gewöhnlich ins Zentrum der Auseinandersetzung.

Unter Streitkultur wird allgemein eine bestimmte Art und Weise, wie Widersprüche behandelt werden, verstanden. Entsprechend dem Klassenantagonismus in der Gesellschaft haben wir es heute in erster Linie mit zwei Hauptformen der Streitkultur zu tun: der proletarischen Streitkultur und der bürgerlichen bzw. kleinbürgerlichen Streitkultur.

Die Marxisten-Leninisten gehen davon aus, dass die Welt voller Widersprüche ist. Man kann auch sagen, dass die Wirklichkeit nur widersprüchlich existiert. Sie haben deshalb ein natürliches Verhältnis zu Widersprüchen und sind aufgrund dessen in der Lage, auf die Wirklichkeit einzuwirken und sie gezielt zu verändern. Die grundsätzliche Leitlinie der proletarischen Streitkultur ist der Marxismus-Leninismus und die dialektisch-materialistische Methode.

Die bürgerliche Streitkultur zielt auf die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse und die Machtausübung der Monopole über die ganze Gesellschaft ab. Deshalb ist sie gezwungen, der Realität auszuweichen und sich in allgemeine bürgerliche Ideale zu flüchten. Zu einer wirklich offenen Streitkultur ist sie deshalb nicht in der Lage. Es geht nur darum, die herrschende Meinung, die ja bekanntlich die Meinung der Herrschenden ist, unter allen Umständen durchzusetzen. Das Kernstück ist deshalb der Antikommunismus, dieses prophylaktische Totschlagargument, mit dem man sich von vorne herein auf der »richtigen Seite« wähnt.

Die kleinbürgerliche Streitkultur ist eine spezielle Form der bürgerlichen Streitkultur mit einer Reihe von Besonderheiten. Sie hat in der Regel ein idealistisches und subjektivistisches Verhältnis zu Widersprüchen, was in der Streitkultur entweder zum Ausweichen vor Widersprüchen oder zu ihrer Überspitzung führt. Das kennzeichnet die kleinbürgerliche Streitkultur. Sie zielt darauf ab, die antagonistischen Gegensätze zwischen der Arbeiterklasse und Bourgeoisie zu versöhnen und zugleich die werktätigen Massen zu spalten. So wird zum Beispiel in der Diplomarbeit »Streitkultur in Deutschland und Mediation« von A. Schnare zum allgemeinen Ziel der Streitkultur die »wirkliche Streitbeendigung« erhoben. Sie fordert eine »Streitkultur, die stärker als bisher vom Konsensgedanken getragen ist.« (»Erkenntnisse« aus der Diplomarbeit »Streitkultur in Deutschland und Mediation«, Internet) Widersprüche entstünden demnach willkürlich, ihre Ursache läge im Herangehen der Menschen und das Beste sei, alle Widersprüche zu nivellieren oder gar zu beseitigen. Zugleich nährt die Bourgeoisie unter den Massen aber auch gezielt Konkurrenz, Gezänk, Rechthaberei, Diffamierungen und andere Ätzmittel gegen einen solidarischen Umgang.

Das Wesen der proletarischen Streitkultur

Die proletarische Streitkultur geht davon aus, dass sich die universelle Widersprüchlichkeit in Natur und Gesellschaft im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen widerspiegelt. Auf der Grundlage der Klassengesellschaft des staatsmonopolistischen Kapitalismus nimmt die Widersprüchlichkeit im Denken, Fühlen und Handeln unter den Massen hauptsächlich die Form des Kampfes zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise an. Der Kampf zwischen der proletarischen und kleinbürgerlichen Denkweise unterliegt den dialektischen Bewegungsgesetzen, wie sie in der Lehre von der Denkweise allseitig aufgedeckt und verallgemeinert wurden. Durch die bewusste Anwendung dieser dialektischen Bewegungsgesetze ist es möglich, auf das Denken, Fühlen und Handeln der Massen einzuwirken und ihr proletarisches Klassenbewusstsein zu wecken und höherzuentwickeln.

Das Wesen der proletarischen Streitkultur wurde entsprechend im REVOLUTIONÄREN WEG 28 so zusammengefasst: »Die proletarische Streitkultur ist die bewusste Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode im Kampf um die Denkweise in der Partei, unter den Massen und bei der Vorbereitung der internationalen Revolution (S. 313)

Die Bedeutung der proletarischen Streitkultur in der jetzigen Situation

Die proletarische Streitkultur hat sich als das ideologisch-politische Kernproblem erwiesen, welches von der MLPD gelöst werden muss, um zur Partei der Massen zu werden.

Das wurde wie in einem Brennglas im Landtagswahlkampf der MLPD in Sachsen-Anhalt deutlich. Die MLPD erlebte bei ihren vielen tausend Gesprächen eine große Wut und Verbitterung der Massen, verbunden mit einer tiefen Resignation. Sie ist einerseits eine berechtigte Abwendung von den bürgerlichen Parteien und ihren leeren Versprechungen. Sie ist andererseits aber auch Ausdruck davon, dass die breiten Massen noch nicht bereit sind, für ihre Zukunft zu kämpfen.

Was ist das für eine Denkweise? Es ist eine Denkweise, dass »irgend jemand etwas für mich tun muss«. Es ist die Denkweise, die widerspiegelt, dass viele Leute gewöhnt sind, dass irgendwelche Bürokraten für sie denken und dass sie bevormundet werden. Die Menschen müssen sich aber lösen aus der Bevormundung und müssen Verantwortung für sich, für ihre Kinder und ihre Klasse übernehmen. Es ist eine revisionistische Denkweise. Diese revisionistische Denkweise ist eine Abkehr vom Marxismus-Leninismus derart, dass man sagt, man kann nur noch unter guten Bedingungen kämpfen. Man kann gar nicht mehr revolutionär denken, man kann sich nur noch anpassen. Anpassen an die Bedingungen. Selbst wenn es die Bedingungen des Kapitalismus sind.

Es war notwendig, in unserem Wahlkampf die Wirkung dieser kleinbürgerlich-revisionistischen Denkweise allseitig aufzudecken, statt sie zu bemänteln, die Einheit auf der Stufe der allgemeinen Verbitterung zu suchen usw. Es war weiter notwendig, im tiefen Vertrauen in die Massen die Widersprüche richtig zu behandeln.

Das geht nur auf der Basis eines großen Respekts vor den Menschen in den neuen Bundesländern. Denn sie haben etwas geschafft, was die Arbeiterklasse in Westdeutschland seit dem II. Weltkrieg nicht geschafft hat. Sie haben immerhin eine Regierung und eine gesellschaftliche Struktur, die sie nicht mehr wollten, überwunden und damit die Grundlage der Wiedervereinigung erkämpft.

Der Erfolg des Parteiaufbaus in Sachsen-Anhalt steht und fällt damit, wie die MLPD den Massen hilft, mit der kleinbürgerlich-revisionistischen Denkweise fertig zu werden. Bevor dieses Kettenglied erkannt und konsequent angepackt wurde, konnte dagegen die Verbitterung, die kleinbürgerlich-revisionistische Denkweise selbst zum Teil Einfluss auf die Parteiarbeit nehmen. Das äußerte sich in einer Anpassung an die Ablehnung »der Politik«, dem Eindringen von bürokratischen Methoden in der Parteiarbeit in Sachsen-Anhalt, einer Verflachung in der Öffentlichkeitsarbeit usw. Als aber diese Grundorientierung klar war, sie in der Partei und auch unter parteilosen Aktivisten freimütig kritisiert und diskutiert worden war, wurde der Kampf um die Denkweise der Massen hervorragend aufgegriffen und umgesetzt. Das führte zu den großen Erfolgen im Parteiaufbau in Sachsen-Anhalt. Vor dem Wahlkampf gab es in Sachsen-Anhalt erst eine Ortsgruppe und einen Stützpunkt der MLPD. Mittlerweile ist die MLPD in 24 Orten und somit in fast allen Städten Sachsen-Anhalts mit über 20000 Einwohnern mit Organisationsstrukturen vertreten.

Der krönende Abschluss der letzten taktischen Hauptaufgabe waren die Willi-Dickhut-Gedenkaktivitäten Anfang Mai. Allein auf dem zweitägigen Seminar wurden über 170 Redebeiträge gehalten, die die ideologisch-politische Linie der MLPD allseitig anwandten, konkretisierten, vertieften usw. Zu den Methoden der proletarischen Streitkultur gehörte zum Beispiel auch die strikte Redezeitbegrenzung aller Teilnehmer auf fünf Minuten, was für eine gleichberechtigte Diskussion zwischen Mitgliedern des Zentralkomitees der MLPD, Vertretern der internationalen marxistisch-leninistischen Bewegung und den Mitgliedern der MLPD und den vielen Parteilosen sorgte. Zur bahnbrechenden Wirkung schrieb der slowakische Genosse Jan Lenco kurz nach dem Seminar an die MLPD: »Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, es handelte sich um die schönsten Tage meines Lebens. Ähnlich wie in Gelsenkirchen habe ich mir immer die Beziehungen unter Genossen vorgestellt. Die Gespräche mit den Genossen waren eine herrliche Schule des Internationalismus.«

Das alles zeigt, dass die MLPD in der Beherrschung der proletarischen Streitkultur ein neues Niveau erreicht hat. Es ist nunmehr notwendig, dass sich diese neue Qualität in der gesamten Partei, in allen Organisationseinheiten und in allen Bereichen durchsetzt. Die proletarische Streitkultur ist der Schlüssel, um den Massen und der Partei und ihrem Jugendverband REBELL zu helfen, mit allen Einflüssen der kleinbürgerlichen Denkweise fertig zu werden, seien sie kleinbürgerlich-revisionistisch, kleinbürgerlich-reformistisch, kleinbürgerlich-feministisch oder kleinbürgerlich-antiautoritär.

Hauptbestandteile der proletarischen Streitkultur

Die proletarische Streitkultur wird von Individuen getragen. Jeder Mensch hat dabei andere Fähigkeiten und Stärken, die er zum Tragen bringen kann und muss. Die proletarische Streitkultur wird am meisten von allen Anwendungsgebieten der Lehre von der Denkweise von Zufälligkeiten beeinflusst und ist deshalb an die äußerste Flexibilität in der Beherrschung der Dialektik geknüpft. Ihre Anwendung kann nicht »beschlossen« oder durch feste bzw. sogar starre Regeln beeinflusst werden. Es haben sich allerdings folgende Hauptbestandteile der proletarischen Streitkultur herausgeschält, als allgemeine Leitlinie für ihre Verwirklichung, die jeweils in der konkreten Situation schöpferisch angewendet werden müssen.

  • Die proletarische Streitkultur ist der Schlüssel für die Höherentwicklung der Einheit von marxistisch-leninistischer Partei und den Massen. Je vielfältiger und komplexer die Beziehungen zwischen Partei und Massen sind, desto höher sind die Anforderungen an das Niveau der proletarischen Streitkultur.
  • Die proletarische Streitkultur ist immer grundsätzlich und konkret. Sie kann nicht abstrakt angewendet oder im Trockenkurs angeeignet werden, sie bezieht sich immer auf eine tatsächlich stattfindende Auseinandersetzung zwischen der proletarischen und kleinbürgerlichen Denkweise.
  • Die proletarische Streitkultur kann nur auf prinzipieller Grundlage erfolgen. Sie bezieht sich immer auf die Verwirklichung der Prinzipien der Partei oder anderer Organisationen oder Bewegungen im proletarischen Klassenkampf. Auf prinzipienloser Grundlage wird die Streitkultur dagegen ziellos, artet nicht selten in persönliches Hickhack aus usw.
  • Die proletarische Streitkultur betont den politischen Aspekt und zielt auf die Durchsetzung der proletarischen Linie und der Arbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise ab. Ohne diesen eindeutigen Bezugspunkt wird sie dagegen zu einer moralisierenden Phrase oder gar einer psychologistischen Methode.
  • Grundlegende Bedingung der proletarischen Streitkultur ist die konkrete Analyse der konkreten Situation auf dem Niveau der Lehre von der Denkweise. Nur so können die konkreten Formen und die Vielfalt der anzuwendenden Methoden bei der Behandlung der Widersprüche bestimmt werden.
  • Die proletarische Streitkultur ist das Kernstück der Kaderarbeit in der Partei und der Erziehung der Massen zur Selbstbefreiung. Sie zielt auf das selbständige Denken, Fühlen und Handeln der Kader und der Massen.
  • Leitlinie für die proletarische Streitkultur in der heutigen Etappe ohne akut revolutionäre Situation ist, die Partei und die Massen zu befähigen, mit dem modernen Antikommunismus fertig zu werden. Das ist der Schlüssel, um die entscheidende Mehrheit der Arbeiterklasse für den Sozialismus zu gewinnen und die breiten Massen in den Kampf gegen Monopole und Staat einzubeziehen. Dringt dagegen die kleinbürgerliche Streitkultur vor, kann der moderne Antikommunismus selbst auf die Parteiarbeit Einfluss nehmen.
  • Die beiden Hauptformen der proletarischen Streitkultur sind der Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise und der Kampf um die proletarische Denkweise. Dabei muss die proletarische Streitkultur immer die dialektische Einheit vom Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise und dem Kampf um die proletarische Denkweise verwirklichen. Jede Trennung führt nur entweder zur sektiererischen oder opportunistischen Behandlung von Widersprüchen.
  • Dabei kann sich die proletarische Streitkultur nur im Kampf gegen die kleinbürgerliche Streitkultur durchsetzen. Es ist deshalb wichtig, die Frage der Streitkultur selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung zu machen.
  • Der prinzipielle Kern der proletarischen Streitkultur ist die prinzipielle Kritik und Selbstkritik. Darüber heißt es im REVOLUTIONÄREN WEG 10: »Kritik und Selbstkritik ist ein dialektischer Prozeß, das Entwicklungsgesetz der revolutionären Partei und der revolutionären Arbeiterbewegung.« Und: »Kritik und Selbstkritik ist eine Methode zur Überwindung von Widersprüchen im Volk und in der Partei.« (S. 50/51)
  • Die proletarische Streitkultur ist im wesentlichen die bewusste Anwendung der dialektischen Methode im Kampf um die proletarische Denkweise gegen die kleinbürgerliche Denkweise.

Dabei muss beachtet werden, dass jeder Organisationsform oder Bewegung im Klassenkampf jeweils eine besondere Methode der proletarischen Streitkultur entspricht.

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